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Den ganzen Weg?! Drei Stunden umsonst gegangen? Warum nur musste man hier zu Fuß durchgehen? Myriaden von Moskitos summen ihr böses Lied, am Boden rascheln ziemlich große Schlangen, und dann kitzelt Adenir mit einem Stock auch noch diese fette, behaarte Tarantel aus dem Erdloch. "Du kannst ein Foto machen", sagt er.
Claudio hat währenddessen den Abdruck einer Leopardentatze im Schlamm entdeckt und sagt: "Der kann nicht weit sein." Und diese Pflanze, die dem Touristen übers Gesicht streicht, macht feurig-rote Bläschen auf der Haut. Dort knurrt es aus dem Unterholz, und die Papageien sind so grün, dass sie ein müdes Städterauge in den Bäumen kaum entdecken kann. Den Amazonas stellt man sich irgendwie anders vor. Eine Mischung aus Palmenhaus und Schönbrunn.
Aber jetzt marschieren die Guides Adenir und Claudio voran, erzählen, wie sie hier als Soldaten durch den Wald gehetzt wurden, um anschließend beim Überlebenstraining auf den Bäumen zu schlafen. "Morgen", sagt Adenir, "machen wir dann Alligator-Spotting, Piranha-Fishing und eine Nacht im Urwald." Dann hackt er mit der Machete eine Art Bambusrohr um, damit die Touristen zu trinken haben.
Nein, man darf diesen Urwald nicht wie ein moderner Kolonialist zu erobern versuchen. Da wird man verrückt wie Klaus Kinsky in Fitzcarraldo und wünscht sich am Ende vielleicht noch ein Opernhaus im Urwald. Man muss auf all den Adventure-Kram verzichten, den die Jungle-Guides in der feucht-morbiden Dschungelmetropole Manaus in bunten Prospekten anbieten.
Die Söhne der Caboclo-Indianer haben Hotmail-Adressen, Handys und kennen sich wirklich aus. Aber irgendwer hat ihnen leider auch eingeredet, dass man Touristen in Urwald-Hängematten legen, durch den Dschungel hetzen und den Krokodilen nachts in die Augen leuchten muss.
Es geht auch anders. Und dann wird es wirklich wunderschön hier. Wenn man die Guides bittet, verzichten sie auf all die künstlichen Katalogabenteuer und nähern sich dem Urwald auf leisen Sohlen. Adenir ist einer, der gerne auf Dschungel-Stress verzichten kann. Statt die bissigen Piranhas mit blutigem Rindfleisch zu angeln, rudert Adenir nun zu einem einsamen See, pflückt diese süßen, erbsenartigen Früchte, die er als Kind lutschte, klettert mit seinem Freund Claudio auf einen Baum, um von dessen Krone ins Wasser zu springen. Er reicht eine riesige, bunte Feder, die er aus dem Wasser zieht. "Solche Federn haben wir uns als Kinder in die Haare gesteckt", sagt der Tourist. "Wir auch", sagt Adenir. Stille. Was für ein Clash of Cultures.
Schaukeln in der Hängematte auf dem kleinen Boot in einem der Hunderttausenden Seitenarme des Amazonas. Die morbide nordbrasilianische Millionenstadt Manaus ist angeblich noch so nah, dass man bei einem Schlangenbiss rechtzeitig mit dem Motorboot ins Spital rasen kann. Bei Sonnenuntergang muss man lautlos durch die vielen kleinen überwucherten Kanäle gleiten.
Adenir erzählt jetzt wieder einmal die Geschichte von der Anakonda, die eine Bäuerin aufgefressen hatte, die nach einem erlegten Tapir tauchte. Er erzählt es, während die Touristen im Wasser plantschen. Dann fragt der wissbegierige Bursche, wie es eigentlich in Wien aussieht, was genau Kommunismus bedeutet, wer den Mond geschaffen hat. Plötzlich pfeift er ganz laut. Ein Faultier hängt im Geäst. Es bewegt seinen müden Körper nur auf Pfiff, weil es dann glaubt, dass ihm jetzt ein Raubvogel den Kopf aufhacken will.
In den Wäldern leuchten die Hütten der Caboclos. Familien nehmen ein Bad vor der Hütte, Buben schwingen sich mit Lianen ins Wasser, Babys schaukeln kreuz und quer in Hängematten in den kleinen Zimmern. Vor dem Haus wird ein schwarzer Vogel gerupft. Die Frösche quaken so wild, dass man sein eigenes Wort kaum versteht. Bei Sonnenuntergang ist der Himmel schwarz auf der einen, rot auf der anderen Seite. Über dem Boot jagt ein Papageienschwarm. In der Nacht kommt noch das archaische Geheul der Brüllaffen dazu. Wie ein tosender Sturm fegt es durch den Wald. Dazwischen pfauchen rosa Süßwasserdelfine.
Die Legende besagt, dass sie in der Nacht als Jünglinge verwandelt aufs Land steigen, um die Mädchen des Waldes zu lieben. Diesen Abend machen sich allerdings nur Adenir und Claudio zurecht, um frisch rasiert mit dem kleinen Beiboot ins nächste Dorf zu sausen. Dort gibt es nämlich ein großes Fest. Adenir greift sich auf das dicke Bäuchlein, lässt die Hüften kreisen. Endlich wieder tanzen, sagt er.
Am Ufer des entlegenen Dorfes legen immer mehr Boote mit zünftig herausgeputzter Dorfjugend an. Sie leben zwar im Urwald, aber jetzt tragen sie High Heels und Minirock. Der Benzingenerator treibt eine riesige Stereoanlage an. DJ Ötzi hämmert aus den Boxen. "Hey, hey Baby!", singen die Kids. Dann endlich lauter, dreckig verzerrter "Forro", dieser Tanz, bei dem die Hintern und Hüften so wunderbar wackeln. Ringsum nur Wald und Wasser.
1500 Kilometer hat der Amazonas hier bereits zurückgelegt. Die grüne Hölle rundum ist so groß, dass sie in "Belgien", also in Einheiten, die dem Staate Belgien entsprechen, und nicht mehr in Quadratkilometern, gemessen wird.
Am nächsten Tag treffen sich alle in einem anderen Dorf zum Fußballspiel. Das Feld überblickt den Dschungel. Man spielt hier barfuß und so elegant wie Brasilianer eben spielen. Manchmal tritt man auch in die Flade einer Kuh. Man schenkt sich auch hier nichts. Nebenan, auf dem kleineren Feld, spielt die Mädchenmannschaft. In Bikinis. Auch das Mädchen, das Adenir letzten Abend mit dem Boot nach Hause brachte, spielt mit. Es lächelt ihn an. Draußen im Wasser springen die Delfine. Bald gehen sie an Land. (Der Standard/rondo/9/7/2004)
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