Ein Händedruck als Erinnerung

8. Juli 2004, 16:38
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Thomas Klestils Sarg war in der Hofburg aufgebahrt - Familie nahm Abschied vom verstorbenenen Staatsoberhaupt

Thomas Klestils Sarg ist seit Mittwochmittag in der Hofburg aufgebahrt. Seine Witwe, die drei Kinder aus erster Ehe und zwei Enkel nahmen ebenso Abschied vom Präsidenten wie die Repräsentanten der Politik, darunter Klestils Nachfolger Heinz Fischer, der heute angelobt wird. Auch Tausende Bürger erwiesen dem Staatsoberhaupt die letzte Ehre.

"Ich hab das nie vergessen und ich werde ihn immer in ehrenvoller Erinnerung behalten." Vor zwölf Jahren, am Beginn seiner Amtszeit hat Bundespräsident Thomas Klestil Hildegard Slama die Hand gegeben. Damals wollte die Pensionistin dem neuen Mann in der Hofburg zu seiner Wahl gratulieren. Er hatte einen "Tag der offenen Tür" veranstalten lassen und Tausende Hände von Gratulanten geschüttelt.

Mittwochvormittag wurden die Türen der Hofburg wieder geöffnet. Diesmal konnte Frau Slama wie viele andere nur noch still Abschied nehmen vom Staatsoberhaupt und ihm die letzte Ehre erweisen.

Der Leichnam von Bundespräsident Thomas Klestil, der Dienstagnacht im AKH verstorben ist, wurde zu Mittag in die Hofburg gebracht - fünf Polizisten auf Motorrädern vor dem Wagen mit Klestil, zwei dahinter. Am Ballhausplatz warteten bereits Hunderte Schaulustige, japanische Touristen knipsten die ankommenden Staatskarossen, aus denen die Spitzen der Bundesregierung und des Parlaments ausstiegen.

Fünf vor zwölf entzündete ein Gardesoldat im Jagdzimmer des Leopoldinischen Traktes der Hofburg die sechs weißen Kerzen neben der noch leeren Bahre. Wie jeder aktive Politiker, der während seiner Amtszeit stirbt, wird auch der Bundespräsident "am Amtssitz" aufgebahrt. Neben einem riesigen Gebinde aus roten Rosen von seiner Frau: "In Liebe und Dankbarkeit - Deine Margot." Über dem Kamin hinter der Bahre verhängt ein schwarzes Tuch einen großen Spiegel, ein Kreuz steht am Sims. Rechts hängt ein Ölgemälde mit Josef II., links Maria Theresia.

Acht Minuten nach zwölf Uhr bringen sechs Soldaten den mit der österreichischen Flagge verhüllten Sarg. Der rote Teppich, über den Klestil Hunderte Male mit Staatsgästen aus aller Welt geschritten ist, wurde ersetzt durch einen schwarzen Läufer.

Drei Kinder, zwei Enkel

Dem Sarg folgt die Witwe Margot Klestil-Löffler, begleitet von Klestils Kindern aus erster Ehe: Tochter Ursula sowie die Söhne Thomas und Stefan mit ihren Partnern. Die Enkel von Sohn Stefan - zwei in Trachtenlederhosen gekleidete Buben - folgen auf den Armen der Eltern ihrem Großvater. Die Mutter von Präsident Klestils drei Kindern, mit der er 41 Jahre verheiratet war - Edith Klestil - war nicht anwesend, ebenso wie die Enkel aus Thomas Klestil Juniors geschiedener Ehe und die Ex-Schwiegertochter.

Nach der Familie folgen die politischen Repräsentanten der Republik. Nationalratspräsident Andreas Khol bekreuzigt und verneigt sich, dann kondoliert er Margot Klestil-Löffler. Thomas Prinzhorn, Dritter Nationalratspräsident, drückt seine Anteilnahme durch einen Handkuss für die Witwe aus. Davor sprach die Zweite Nationalratspräsidentin Barbara Prammer in leisen, vertrauten Worten ihr Beileid an die Familie aus.

Besonders herzlich umarmt Klestils Nachfolger, Heinz Fischer, die Präsidentenwitwe, ebenso wie der Wiener Bürgermeister Michael Häupl, der Trauzeuge der Klestils war. Margot Klestil-Löffler wirkt gefasst, wischt sich immer wieder Tränen aus dem Gesicht. Bundeskanzler Wolfgang Schüssel nimmt Klestil-Löfflers Hand in seine Hände, spricht länger mit ihr. Außenministerin Benita Ferrero-Waldner, die mit der Witwe des Präsidenten ein nicht ganz spannungsfreies Verhältnis verbindet, küsst sie links und rechts, noch ein kurzes Gespräch unter zig Augenpaaren und vor laufenden Kameras.

Sämtliche Minister und die Parteichefs der Opposition verneigen sich vor dem Sarg. Kabinettsmitarbeiter und Hofburgangestellte sagen ein letztes Lebewohl.

Um halb eins stellt sich Margot Klestil-Löffler noch einmal vor den Sarg. Schweigend bekreuzigt sie sich. Sie geht vor, streicht liebevoll über die Fahne, legt für Momente ihren Kopf auf den Sargdeckel. Ein Blick noch, ein letzter Griff zum Sarg, dann gehen sie und die Familie durch jene rote Tapetentür, hinter der ihr Mann noch vor ein paar Tagen an seinem Schreibtisch arbeitete.

Pietätvolles Sterben

Bevor die Menschenmassen von draußen "ihrem Präsidenten" die letzte Ehre erweisen dürfen, werden die sechs Gardesoldaten noch abgelöst. In einem der vier Kondolenzbücher hinterlässt Heinz Fischer, die Worte: "In respektvoller und freundschaftlicher Verbundenheit."

Ein anderer Bürger schreibt: "Ich verneige mich in tiefer Ehrfurcht vor dem Menschen Thomas Klestil." Eine junge Mutter mit drei Kindern sagt: "Er geht sicher sehr vielen sehr ab." Hans Lechner aus Ternberg hat zwar nichts ins Kondolenzbuch geschrieben, meinte aber: "Es war pietätvoll, obwohl es ein öffentliches Sterben war." Und Frau Slama hat sich noch einmal an den Händedruck jenes Mannes erinnert, den sie als Präsident begrüßt und als Menschen verabschiedet hat. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8.7.2004)

  • Öffentliche Momente privater Trauer: Präsidentenwitwe Margot Klestil-Löffler verabschiedet sich von ihrem Mann Thomas Klestil.
    foto: chistian fischer

    Öffentliche Momente privater Trauer: Präsidentenwitwe Margot Klestil-Löffler verabschiedet sich von ihrem Mann Thomas Klestil.

  • Spirale als Symbol für die Ewigkeit: Schüssels Eintrag ins Kondolenzbuch.
    foto: christian fischer

    Spirale als Symbol für die Ewigkeit: Schüssels Eintrag ins Kondolenzbuch.

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