Gerichtsgeschichte: Atemnot im Westen

9. Juli 2004, 09:27
1 Posting

Ein bulliger Wiener Polizist sperrt dem jungen Chinesen die Handschellen auf - dafür hatte seine Familie auf alles verzichtet, was sie besaß

Wien - Ein bulliger Wiener Polizist sperrt dem jungen Chinesen mit dem todtraurigen Blick die Handschellen auf. Der als Zeuge vorgeführte Schubhäftling, der nicht mehr als 40 Kilo wiegt, hebt schüchtern die Unterarme, greift sich an die Gelenke und spreizt die Finger. - Darin erschöpft sich die Freiheit am Ende seiner 90-tägigen qualvollen Reise in die vermeintlich glückliche Welt.

Anfang April hatte er Peking verlassen. Er war ein Auserwählter, einer, der es besser haben sollte. 10.000 Euro kostete der "Westen". Dafür hatte seine Familie auf alles verzichtet, was sie besaß.

Die Schlepper verluden ihn und drei Landsleute wie Mehlsäcke und brachten sie über Moskau und Prag nach Bratislava. Dort teilte man die Flüchtlinge auf zwei Fahrzeuge auf. Der schmächtige Chinese und eine zierliche Frau wurden in die Bettzeuglade hinter dem Rücksitz des Kleinbusses gestopft. Darüber stülpte man Matratzen und pickte sie mit Plastikhüllen zu.

Zwischenstopp in Wien

Die Tortur endete beim Zwischenstopp in Wien beinahe tödlich. Bei einer Polizeikontrolle wurden die anderen beiden Chinesen entdeckt. Die tschechischen Lenker stellten sich ahnungslos. "Die sind aus dem Wald gekommen", sagte einer. Auf die Flüchtlinge in der Bettzeuglade vergaßen sie absichtlich. Drei Stunden später fand man den Autoschlüssel, den einer der Schlepper vor der Verhaftung weggeworfen hatte. Bei der Durchsuchung des Fahrzeugs hörte ein Polizist Klopfgeräusche und stieß auf die Flüchtlinge. Sie litten bereits unter schwerer Atemnot.

Die Einvernahme der angeklagten Schlepper gestaltet sich mühevoll. "Warum lügt er?", fragt der Richter einmal die Dolmetscherin. "Ich lüge nicht, ich habe Angst", erwidert der Schlepper. "Natürlich lügt er!", poltert der Richter. "Na gut, ich gestehe jetzt!", antwortet der Angeklagte: Je 400 Euro haben sie für die Aktion bekommen. In Italien sollte sie enden. Ihre Auftraggeber kennen sie nicht. Dass die Chinesen beinahe erstickt wären, tut ihnen Leid. Die Urteile nehmen sie an: Je zwei Jahre Haft, acht Monate unbedingt. Die Chinesen werden abgeschoben. (Daniel Glattauer´, DER STANDARD Printausgabe 8.7.2004)

Share if you care.