Der Mann, der Schiele erfand

13. Juli 2004, 12:01
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Das Wien Museum erzählt publikums­trächtig auch von Arthur Roessler, jenem Mann, der die Populärmarke "Schiele" kreierte

Das Wien Museum zeigt publikumsträchtig Egon Schiele und Co. Und erzählt dabei die Geschichte des Arthur Roessler. Der hat - ganz moderner Kurator - die potente Populärmarke "Schiele" kreiert.


Wien - Vor gar nicht allzu langer Zeit noch galt der Beruf des Kurators nur in Kreisen von Hardcore-Wissenschaftern als erstrebenswert. Diese Kuratoren sah man herzlich wenig, und was man von ihnen zu lesen bekam, war bloß anderen Kuratoren verständlich.

Alle paar Jahre einmal kam so ein Kurator aus irgendeinem finstern Archiv hinauf ins Dämmerlicht des Museums und präsentierte sein Forschungsergebnis, worunter man sich einen recht langen Text mit durchschnittlich einer Fußnote pro Anschlag vorstellen kann. Die beigestellten Exponate galten als Ausstellung. Dem Volksmund war demnach völlig unklar, was ein Kurator ist oder macht, er konnte ihn aber treffend als "bleich" bezeichnen.

Die 80er-Jahre des 20. Jahrhunderts brachten die Wende: Kuratoren begannen damit, sich von ihren Häusern zu emanzipieren. Sie wurden oft rabiat selbsttätig, nahmen Künstler unter ihre Fittiche, erfüllten Trends, die sie selbst prognostizierten, organisierten Ausstellungen, die sie selbst lobend besprachen, begannen Netzwerke zu knüpfen, die sie mit Mythenranken überzogen. Kurz: Sie machen sich bis heute unentbehrlich als Mittler zwischen Handel, Museum und Publizistik, betreiben Lobbying, Promotion, Kritik, Trendsetting und Networking. Ohne so einen Managing Curator gibt es einen Künstler gar nicht.

Wolfgang Kos lässt im Wien Museum nun gründlich mit der Großstadtlegende aufräumen, dass die populäre Erweiterung des Kuratorenbegriffs vor gerade eben einmal 30 Jahren stattgefunden hätte.

Am Beispiel Arthur Roessler: Der kam 1877 zur Welt und entwickelte sich rasch zum Kunst-Multifunktionär, wie wir ihn heute kennen. Ohne sich groß um Vereinbarkeiten zu kümmern, entdeckte, handelte, sammelte und promotete Roessler Künstler. Er sorgte sich um deren gesellschaftliche Kontakte, stattete sie zeitlebens mit einem vermarktbaren Image aus. Und kümmerte sich nach deren Tod um den passenden Mythos. Sein großer Coup gelang ihm mit Egon Schiele. Rössler entdeckte das Jahrhunderttalent und machte den Jüngling zur Marke.

Mit "Schiele und Rössler - Der Künstler und sein Förderer" setzt Wolfgang Kos perfekt um, womit er am Karlsplatz angetreten ist: populären Themen neue Sichtweisen abzugewinnen - samt komplexem Subtext. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8. 7. 2004)

Von
Markus Mittringer

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wienmuseum.at

Bis 10. 10.

  • Aus dem Nachlass des frühen Networkers Arthur Roessler im Wien Museum: Egon Schieles Bildnis der Ida Roessler von 1912 (Ausschnitt)
    foto: wien museum

    Aus dem Nachlass des frühen Networkers Arthur Roessler im Wien Museum: Egon Schieles Bildnis der Ida Roessler von 1912 (Ausschnitt)

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