Traurig sind wir sowieso

14. Juli 2004, 20:45
4 Postings

Die Düster-Rocker The Cure melden sich mit einem hervorragenden neuen Album zurück, die Jugend zieht nach

Melancholie und Depression kennen keine Altersgrenzen. Obwohl sie eigentlich nicht mehr wollten, melden sich die Düster-Rocker The Cure mit einem hervorragenden neuen Album zurück. Die Jugend zieht nach.


THE CURE
The Cure
(Universal)
"All I am is ugly. Nothing I am is beautiful at all. I don't get this world ..." So wie auch sein gerade ebenfalls ein fulminantes Comeback feiernder Kollege Morrissey ist Robert Smith seiner streng egozentrischen und gleichzeitig leicht überheblichen wie schwer weinerlichen Weltsicht immer treu geblieben. Und exakt 25 Jahre nach dem Debütalbum der Galionsfigur aller Grufties klingt das heute nach dem flotten Existenzialismus der Anfangszeit ("Boys Don't Cry"), den bis heute unerreichten Depro-Sounds der frühen 80er-Jahre ("Faith" und "Pornography") und dem darauf folgenden Welterfolg mit Jammerlappen-Pop im besten Sinn ("The Head On The Door") gerade auch dank unzähliger heutiger junger Bands, die sich auf The Cure berufen (The Rapture, Hot Hot Heat, Interpol, Bloc Party ...), so zeitgemäß wie lange nicht. Breiten wir über die bis 2000, bis zur damaligen burn-out-bedingten Auflösung der Band erschienenen letzten Arbeiten "Wish, Wild Mood Swings, Bloodflowers" und deren leere Aufgeblasenheit einmal gnädig den Mantel des Schweigens: "The Cure" aus 2004 klingt auch dank der Produktion von Nu-Metal-Erfinder Ross Robinson (Korn, Limp Bizkit, Slipknot, aber auch At The Drive-In) knackig, kraftvoll und stringent wie schon seit 15 Jahren nicht. Live im Studio aufgenommen knüpft man von Sound und Komposition an die letzte Meisterleistung, "Disintrigation" aus 1989 und deren weitflächige, düstere, zur repetitiven Monotonie neigende Spannungsbögen, an. Smith lädt das Ganze mit alles andere als altersmilden Aggressionsschüben auf. Von der schwächlichen Single "The End Of The World" einmal abgesehen, mit zornigen politischen Betrachtungen zur Großwetterlage ist das hier definitiv nicht nur Stoff für nostalgische New-Wave-Rentner.

BLOC PARTY.
E.P.
(Wichita/Edel)
Das Quartett aus London um den erstickt-wehklagenden schwarzen Sänger Kele Okereke hat hörbar nicht nur The Cure der frühen Jahre und deren Album "Boys Don't Cry" studiert. Mit schneidigen, flirrenden Gitarren und gehetzter Rhythmusgruppe, durchaus auch im Zeichen des White Funk, wird auch Altvorderen wie Gang Of Four ("Entertainment"), The Fall ("Grotesque") oder den frühen Joy Divison ("Unknown Pleasures") Tribut gezollt. Diese sechs Songs stellen also das ideale Mitbringsel für Geburtstagsfeste von jungen Fans von Franz Ferdinand dar. Bloc Party.: Kennt keine Sau, klingt aber kultig.

PASSAGE
The Forcefield Kids
(Anticon/Trost)
Wie man schon im Intro zu diesem großartigen, anstrengenden und gleichzeitig berührenden Album hören kann, hat sich der Mann aus San Francisco, Mitglied des seit 1997 stilistisch um Grenzbereiche wie Industrial, Folk, Noise, Rock und Dub bemühenden HipHop-Kollektivs Anticon, ebenfalls um eine nicht nur akustisch konzipierte Bewältigung der eigenen unglücklichen Kindheit und Jugend bemüht. In seinem Fall geht es neben Zitaten der britischen Elektrorocker Tubeway Army ("Are Friends Electric?") auch um frühe Tonbandendlosschleifen- und Korg-Synthesizer-Rocker wie The Associates, aber auch frühe Synthi-Pioniere wie Cabaret Voltaire. Eine Form von hybrider Volksmusik für Menschen, die mit Casio-Keyboards statt Gitarren aufgewachsen sind. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9. 7. 2004)

Von
Christian Schachinger
  •   Robert Smith
    foto: universal

    Robert Smith

Share if you care.