Der Edwards-Faktor

7. Juli 2004, 18:49
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Die Untergriffe der Republikaner zeigt, dass der Vizepräsidentenfaktor heuer eine etwas gewichtigere Rolle spielen könnte - Von Christoph Winder

Mit der Wahl des Südstaatensenators John Edwards zu seinem "Running Mate" hat der demokratische Präsidentschaftskandidat John Kerry eine Periode weitschweifiger medialer Spekulationen beendet. Das Aufheben, das dabei um Kerrys mutmaßlichen Vize gemacht wurde, schien zuletzt in einem Missverhältnis zur wahren Bedeutung des Amtes und zur Relevanz der Person zu stehen, die es bekleidet: Gewählt wird im November immer noch die Nummer eins, und für eine überwältigende Mehrzahl der Amerikaner spielt der "Veep" keine oder eine nur sehr bescheidene Rolle.

Die Untergriffigkeit, mit die Republikaner Edwards sofort Unaufrichtigkeit unterstellten, zeigt aber, dass der Vizepräsidentenfaktor heuer eine etwas gewichtigere Rolle spielen könnte. Dafür gibt es mehrere Gründe. Erstens steht ein überaus knappes Rennen ins Haus, bei dem jeder Vor- oder Nachteil entscheidend zu Buche schlagen könnte. Edwards ist volksnah, rhetorisch überzeugend, und als Befürworter des Irakkriegs muss er sich keiner sicherheitspolitischen Laxheit verdächtigen lassen. Er steht für einen Populismus light, der ohne großen Appell an den Sozialneid, dafür aber mit der lebensgeschichtlichen Glaubwürdigkeit eines Mannes einhergeht, der sich aus kleinsten Verhältnissen zum Multimillionär emporgerackert hat. Und er liefert in seiner charmanten Quirligkeit den willkommenen charakterlichen Kontrast zu dem oft gestelzt wirkenden Kerry.

Dem steht Edwards' wenig attraktive Berufsvergangenheit als Rechtsanwalt gegenüber, der in Schadenersatzprozessen reich geworden ist - und mehr noch seine Unerfahrenheit, gegen die die Republikaner die Durchtriebenheit des alten Fuchses Dick Cheney ins Treffen führen werden. Übertriebenes Zartgefühl dürfte dabei kaum angesagt sein. Die ersten Angriffe auf Edwards lassen vielmehr vermuten, dass eine mächtige Front von Schmutzattacken am amerikanischen Polithorizont aufzieht. (DER STANDARD, Printausgabe, 8.7.2004)

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