Der letzte Konsenspatriot

7. Juli 2004, 17:26
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Das politische Lebenswerk des verstorbenen Präsidenten - Kommentar der anderen von Klestil-Biograf Joachim Riedl

Wenn es ein Bild gibt, das als Metapher für die zwölfjährige Amtszeit von Thomas Klestil im Leopoldinischen Trakt der Hofburg dienen kann, dann ist es jenes der berühmten roten Tapetentür. Sie trennt den Empfangssalon, in dem er am Mittwoch aufgebahrt wurde, von der eigentlichen Dienstkanzlei des Staatsoberhauptes. Im Amtsverständnis des verstorbenen Bundespräsidenten besaß sie die Funktion einer Schleuse.

Vor ihr befand sich die Bühne, auf der die häufig pseudobarocken Inszenierungen eines republikanischen Staatstheaters stattzufinden hatten. Hinter ihr hingegen, hinter dieser Kulisse eines offiziösen Österreich, verbarg sich ein Ort der Verschwiegenheit, an den sich der verantwortliche Oberspielleiter mit seinen Darstellern und Dramaturgen zurückzog, um den Spielplan festzulegen und den dramaturgischen Ablauf des Geschehens zu bestimmen.

Weder die Kritiker noch das Publikum sollten dabei nähere Kenntnis darüber erlangen, unter welchen Schwierigkeiten alle darstellerischen Eigensinnigkeiten der Protagonisten unter einen Hut gebracht werden konnten, damit der reibungslose Ablauf des politischen Zeremoniells sichergestellt worden war.

Falsche Hoffnungen

Das Stück, das bei zwar wechselnder Besetzung, aber unter Wahrung eines unabänderlichen Handlungsablaufs en suite über die Bühne zu gehen hatte, sollte vom erfolgreichen Konsensmodell der Zweiten Republik erzählen, die sich trotz aller privater Rivalitäten und parteipolitischer Revierkämpfe einer Strategie des harmonischen Miteinander verschrieben hatte. Dieses um jeden Preis, auch um jenen seiner politischen Integrität, zu bewahren, fühlte sich Klestil berufen.

Darin sah er in den letzten Jahren sein politisches Lebenswerk, eine Mission, die zu erfüllen ihm allerdings versagt geblieben ist. Notfalls wollte er sogar erzwingen, was außerhalb seiner realen Befugnisse lag. Er vertraute dabei auf die Kraft einer moralischen Autorität, die er mit seinem Mandat unverzichtbar verbunden sah.

Unter den vielen politischen Rollenmodellen, die mit dem Bundespräsidenten in Verbindung gebracht werden, hatte er für sich wohl am ehesten jenes eines politischen Vormundes gewählt, den das Volk bestellt hat, damit er in der semiprivaten Atmosphäre seines Dienstzimmers allen, die dem übergeordneten Konsens der Republik zu entgleiten drohen, so lange ins Gewissen redet, bis sie sich der Einsicht in die Unterordnung unter das gemeinsame Ganze beugen.

Spätestens im Jänner 2000 aber hatte Thomas Klestil mit dieser Taktik, die sich zuvor in Krisensituationen durchaus bewährt hatte, seine Präsidentschaft in eine Sackgasse manövriert, aus der er keinen Ausweg mehr fand. Er wollte und konnte keine Flexibilität zeigen. Er arrangierte sich zwar mit den Gegebenheiten und lernte eine zunehmend freundlichere Miene zu einem Spiel zu machen, das er insgeheim missbilligte.

Aber er wurde seinen Prinzipien nicht untreu und nahm in Kauf, dass dieser für ihn nicht mehr lösbare Konflikt sichtbar an seiner Substanz zehrte. Ohne sich letztlich seine politische Ohnmacht einzugestehen, amtierte er weiterhin an der nominellen Spitze einer Republik, in der die politische Verfügungsmacht in Hände geraten war, denen er, seiner innersten Überzeugung folgend, kein Vertrauen entgegenbrachte.

Zehrender Kampf

Wenn Thomas Klestil, gemessen an seinen eigenen Ansprüchen, gescheitert ist, dann vor allem deshalb, weil er einerseits die politischen Veränderungen, die während des letzten Drittels seiner Amtszeit in Österreich stattfanden, unterschätzte und zu 3. Spalte gleich sein Mandat überbewertete. Im Tabubruch der schwarz-blauen Wendekoalition sah er hauptsächlich einen politischen Betriebsunfall, den er jahrelang hoffte, mithilfe seiner Verbündeten in den beiden ehemals staatstragenden Parteien der untergegangenen großen Koalition wieder zu reparieren.

Zugleich betrachtete er aber auch seine Präsidentschaftskanzlei als letzte Bastion jener umsichtigen Konsensrepublik, der er seine fulminante Karriere verdankte. Er übersah, dass sein Amt abseits aller Verfassungsbestimmungen zwar ein hohes symbolisches Ansehen genießt, jedoch über kaum nennenswerte operative Möglichkeiten verfügt. Er hat sich nie damit abgefunden, dass er nicht einmal die Berufung eines Schuldirektors verhindern konnte, die er, aus welchen Gründen auch immer, nicht gutheißen wollte. Solche Niederlagen marterten ihn bereits in den ersten Jahren seiner Präsidentschaft. Immer häufiger lief sein Tatendrang ins Leere.

Der Überraschungskandidat des Jahres 1992 erkämpfte sich mit Energie und Überzeugungskraft einen Wahlsieg, der dem Außenseiter anfänglich nicht zugetraut worden war. Nach der Agonie der Waldheim-Jahre versprach der amerikanisch geprägte Karrierediplomat mit seinen glänzenden Kontakten vor allem in die USA, die noch seinen Vorgänger geächtet hatten, eine Rückkehr zu internationalem Ansehen und Weltoffenheit. Er pflegte einen offensiven, teils hemdsärmeligen Arbeitsstil und schaffte es, die Balance zwischen Modernität und der traditionellen Gravität seines Amtes zu wahren. Seine Popularität schnellte in die Höhe und nahm auch nur geringen Schaden, als er sich, dünnhäutig wie er war, in privaten Turbulenzen verhedderte.

Der Weg des armen Straßenbahnersohns aus Wien-Erdberg an die Spitze der Republik schien ein österreichisches Märchen zu sein. Das empfand auch Thomas Klestil so. Er war ein ehrgeiziger Overachiever. Selbst bei geringen Anlässen mobilisierte er seine Kraftreserven, um das anvisierte Ziel zu erreichen.

Vergebliche Mühen

Die Wiederwahl als großkoalitionärer Gemeinschaftskandidat empfand er 1998 wohl zu Recht als persönlichen Triumph über alle, die ihm Hindernisse in den Weg gelegt hatten. Thomas Klestil befand sich am Zenit. Lediglich die engen Grenzen, die seiner Ankündigung, ein aktiver Präsident sein zu wollen, gesetzt waren, trübten nachhaltig das Bild. Doch mit bewundernswerter Beharrlichkeit wusste er sich stets all jenen realpolitischen Einsichten zu verweigern, die zum handwerklichen Geschick eines geschmeidigen Berufspolitikers gehören.

Sozialisiert im System der Sozialpartnerschaft und der patriarchalischen Parteigranden, fühlte sich Thomas Klestil einer politischen Doktrin verpflichtet, die längst ausgehöhlt und im Untergang begriffen war. Selbst wenn er ihn erkannt hatte, wollte er diesen Verfallsprozess nicht wahrhaben. In seiner Welt der diplomatischen Mechanismen war für ihn ausschließlich der Verhandlungstisch jener Ort, an dem Interessenkonflikte so geklärt werden mussten, dass jeder der Beteiligten das Gesicht wahren konnte. Dass sich Österreich von einer Konsens- in eine Konfliktdemokratie gewandelt hatte, damit wollte sich Thomas Klestil nicht abfinden, und er war ruhelos bemüht, diesen Prozess umzukehren.

Insofern war er wahrscheinlich der letzte und unnachgiebigste Verteidiger jenes österreichischen Ancien Régime, in dem er groß geworden war und das die Grundlage seines patriotischen Selbstverständnisses bildete. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8.7.2004)

Joachim Riedl, Publizist und Ausstellungsmacher, veröffentlichte 1993 die Klestil-Biografie "Macht braucht Kontrolle" (Edition S).
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