Einkaufssonntag: Früher tabu, jetzt immer mehr Anhänger

14. Juli 2004, 11:20
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Auch wenn im Handel Uneinigkeit herrscht, befürworten mehr und mehr Firmen ein zumindest teilweises Offenhalten am Sonntag

Wien - "Der stärkste Einkaufstag in der Woche ist der Sonntag", sagt Kika-Chef Ewald Repnik. Freilich geht es um Ungarn, wo der Handel keinerlei zeitlichen Beschränkungen unterworfen ist und wo Kika sonntags von 10 Uhr bis 17 Uhr geöffnet hat. Demnächst eröffnet Kika ein Möbelhaus in Prag. Repnik erwartet auch in Tschechien einen ähnlich großen Erfolg des freien Einkaufssonntags.

Was die heimische Situation betrifft, ist der Handelsmanager wie viele seiner Kollegen gespalten. "In Österreich ist das ein hochsensibles Thema. Wir sind keine Vorkämpfer, sehen aber, wie gut der Sonntag im Ausland angenommen wird. Sollte diese Entwicklung auch in Österreich kommen, befürworten wir das", so Repnik.

IKEA als Vorreiter

Die Vorreiterrolle beim Tabuthema "Sonntagsöffnung" hat die Branche liebend gerne Ikea überlassen. Ikea-Chef Urs Meier wünscht sich "idealerweise vier bis acht Sonntage vor Weihnachten" als Testmodell. Bei einer generellen Sonntagsöffnung würden bei Ikea bis zu 15 Prozent neue Jobs geschaffen werden.

Meier: "Wir haben kein schlechtes Gewissen, wenn Kellner, Kinokassiere oder Rezeptionisten sonntags arbeiten müssen. Denn Vergnügen am Sonntag ist gesellschaftlich akzeptiert, einkaufen nicht." Doch nicht nur im Möbelhandel ruft die Osterweiterung und der Bedeutungsverlust des Einzelhandels an den gesamten Konsumausgaben die Befürworter liberalerer Öffnungszeiten auf den Plan.

H&M: Ausprobieren

H&M-Österreich-Geschäftsführerin Claudia Oszwald sagt zum STANDARD: "Das ist eine Entwicklung, die nicht aufzuhalten ist. Vor allem in den Grenzregionen ist das für den Einzelhandel natürlich ein ernstes Thema."

Für eine schrankenlose Öffnung ist die Chefin des Marktführers im heimischen Textilhandel aber nicht: "Ziemlich vernünftig wäre, ein paar Sonntage offen zu halten. Dafür bin ich schon. Dann könnte man sich ansehen, wie die Kunden darauf ansprechen. Und wie der Einzelhandel und die Arbeitnehmer reagieren."

Grundsätzlich sei die Frage der Öffnungszeiten hierzulande "ein eher schwieriges Feld". Auch innerhalb der eigenen Organisation - H&M hat zurzeit 49 Filialen in Österreich - gebe es keine Einheit bei den langen Einkaufstagen bis 21 Uhr.

"Manche haben nur an Freitagen länger geöffnet, manche an Donnerstagen auch, manche gar nicht", so Oszwald. Zum Teil seien die Öffnungszeiten ja bundesländerweise unterschiedlich geregelt, aber auch innerhalb eines Landes muss man sich von Bezirk zu Bezirk unterschiedliches Verhalten der Kunden, aber auch der Konkurrenz anpassen.

"Wöchentliche Öffnungszeit wichtiger"

Veit Schalle, Chef der Rewe- Austria-Gruppe (Billa, Merkur, Mondo/Penny, Bipa), ärgert die neu aufgeflammte Debatte über den freien Einkaufssonntag. Schalle: "Für uns ist die Verlängerung der wöchentlichen Öffnungszeit wesentlich wichtiger als eine Diskussion um den Sonntag."

Nur Niederösterreich nutzt den im Vorjahr auf 72 Stunden pro Woche ausgeweiteten Rahmen aus. Alle anderen Bundesländer sind bei 66 Stunden geblieben. Schalle: "Damit ist Österreich nach wie vor Schlusslicht in Europa."

Doch auch bei den Wochenöffnungszeiten bröckelt langsam die einst solide Mauer. Nach einem Vorstoß von Salzburgs Landeshauptfrau Gabi Burgstaller sagt die neue Wirtschaftskammer-Wien-Chefin Brigitte Jank: "Wir könnten die Ladenöffnungszeiten in Wien freigeben, aber die Kunden folgen uns noch nicht."

Daher sind die Skeptiker auch nach wie vor in der Mehrheit. Lutz- Chef Hans Jörg Schelling: "Wir haben wegen des Sonntags mehrere Untersuchungen bei Kunden und Mitarbeitern gemacht. Es gab da eine deutliche Ablehnung. Auch die neuen Abendöffnungszeiten sind nicht der große Renner." (Michael Bachner / Leo Szemeliker / DER STANDARD Printausgabe, 08.07.2004)

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    foto: dps/frank rumpenhorst
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