Spitzenmedizin nicht nur für Prominente

9. Juli 2004, 22:49
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Ein Erfahrungsbericht aus dem Wiener AKH in einem vergleichbaren Fall

Vor drei Monaten ist mein Vater in der Intensivstation des AKH, in das er mit dem Notarzthubschrauber eingeliefert worden war, an multiplem Organversagen gestorben. Angesichts des ärztlichen Ringens um das Leben von Thomas Klestil fragen manche, ob das, was für den Bundespräsidenten an medizinischer Hochtechnologie bereitstand, auch für nicht prominente Patienten aufgeboten wird. Aus Erfahrung in einem vergleichbaren Fall ist meine Antwort ein klares Ja.

Mein Vater, ein rüstiger 83-jähriger Pensionist und früherer Beamter, war am 7. März noch im Wienerwald spazieren gegangen, als er am frühen Abend in seiner Wohnung mit starken Brustschmerzen zusammenbrach. Der herbeigerufene Notarzt brachte ihn ins Krankenhaus Mödling, von wo er per Helikopter ins Wiener AKH geflogen wurde.

In der Notaufnahme wurde ein Riss der Hauptschlagader diagnostiziert, Blut war in den Brustraum ausgetreten. Am nächsten Tag wurde ihm ein "Stent" – ein gitterförmiges Röhrchen zur Abdichtung der Arterie – in die Aorta implantiert. Die offene Frage war: Wie lange war die Versorgung lebenswichtiger Organe mit Blut und damit mit Sauerstoff unterbrochen gewesen?

Die Ärzte versetzten den ihnen völlig unbekannten Patienten in künstlichen Tiefschlaf. Er kam in einen Intensivpflegeraum mit vier Betten, um die ganze Batterien von Versorgungs- und Kontrollgeräten standen. Mein Vater erhielt künstliche Beatmung, ein Dialysegerät übernahm die Blutwäschefunktion der Nieren, über ihm hingen Infusionsflaschen. Mehrere Computermonitore zeigten die aktuellen Werte für Herz, Kreislauf und etliche weitere Körperfunktionen an.

"Medizinisch machbar ist viel"

Mehrmals täglich gaben mir die Ärzte Bericht – manchmal standen gleich drei Professoren an seinem Bett. "Medizinisch machbar ist viel", sagte mir einer von ihnen. "Die Frage ist, was man noch alles tun soll", wenn lebenswichtige Organe geschädigt sind.

Nach zweieinhalb Wochen auf der Intensivstation begann mein Vater langsam aus dem Koma zu erwachen, wir hatten endlich Augenkontakt. Doch dann kam es mehrmals zum Herzstillstand; er musste reanimiert werden. Nach drei Wochen war der Kampf um das Leben meines Vaters, trotz intensivster Behandlung durch zugängliche und bemühte Ärzte sowie durch hoch professionelle, Tag und Nacht mit vollem Einsatz arbeitende Pflegerinnen und Pfleger, dennoch verloren. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8.7.2004)

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