Ein Erfahrungsbericht aus dem Wiener AKH in einem vergleichbaren Fall
Vor drei Monaten ist mein Vater in der Intensivstation des AKH, in das er mit dem Notarzthubschrauber eingeliefert worden war, an multiplem Organversagen gestorben. Angesichts des ärztlichen Ringens um das Leben von Thomas Klestil fragen manche, ob das, was für den Bundespräsidenten an medizinischer Hochtechnologie
bereitstand, auch für nicht prominente Patienten aufgeboten wird. Aus Erfahrung in einem vergleichbaren Fall ist meine Antwort ein klares Ja.
Mein Vater, ein rüstiger 83-jähriger Pensionist und früherer Beamter, war am 7. März noch im Wienerwald spazieren gegangen, als er am frühen Abend in seiner Wohnung mit starken Brustschmerzen zusammenbrach. Der herbeigerufene Notarzt brachte ihn ins Krankenhaus Mödling, von wo er per Helikopter ins Wiener AKH geflogen wurde.
In der Notaufnahme wurde ein Riss der Hauptschlagader
diagnostiziert, Blut war in den Brustraum ausgetreten. Am
nächsten Tag wurde ihm ein "Stent" – ein gitterförmiges
Röhrchen zur Abdichtung der Arterie – in die Aorta implantiert. Die offene Frage war: Wie lange war die Versorgung lebenswichtiger Organe mit Blut und damit mit Sauerstoff
unterbrochen gewesen?
Die Ärzte versetzten den ihnen völlig unbekannten Patienten in künstlichen Tiefschlaf. Er kam in einen Intensivpflegeraum mit
vier Betten, um die ganze Batterien von Versorgungs- und
Kontrollgeräten standen. Mein Vater erhielt künstliche
Beatmung, ein Dialysegerät übernahm die Blutwäschefunktion der Nieren, über ihm hingen Infusionsflaschen. Mehrere Computermonitore zeigten die aktuellen Werte für Herz, Kreislauf und etliche weitere Körperfunktionen an.
"Medizinisch machbar ist viel"
Mehrmals täglich gaben mir die Ärzte Bericht – manchmal
standen gleich drei Professoren an seinem Bett. "Medizinisch machbar ist viel", sagte mir einer von ihnen. "Die Frage ist, was man noch alles tun soll", wenn lebenswichtige Organe geschädigt sind.
Nach zweieinhalb Wochen auf der Intensivstation begann
mein Vater langsam aus dem Koma zu erwachen, wir hatten
endlich Augenkontakt. Doch dann kam es mehrmals zum
Herzstillstand; er musste reanimiert werden. Nach drei
Wochen war der Kampf um das Leben meines Vaters, trotz
intensivster Behandlung durch zugängliche und bemühte Ärzte sowie durch hoch professionelle, Tag und Nacht mit vollem Einsatz arbeitende Pflegerinnen und Pfleger, dennoch verloren. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8.7.2004)