Politveteran erkämpfte sich zweite Karriere

8. Juli 2004, 17:40
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Die Wahl des spanischen Sozialdemokraten Josep Borrell zum EU-Parlamentspräsidenten gilt als Formsache - Ein Kopf des Tages

Er fängt gleich ganz oben an. Als einfacher Abgeordneter werkte Josep Borrell nie im EU-Parlament – er beginnt seine Arbeit in Brüssel und Straßburg als Parlamentspräsident. Vorausgesetzt, die Abgeordneten wählen ihn am 20. Juli auch, aber das gilt nach seiner Nominierung nur noch als Formalsache.

Den schwierigeren Kampf hat Borrell hinter sich: Er hat sich in der sozialdemokratischen Fraktion gegen Konkurrenten um den Präsidentensessel durchgesetzt. Den Wahlsieg in Spanien bei der Europawahl im Rücken, überzeugte der charismatische Katalane seine Kollegen für sich, unter anderem mit seinen rhetorischen Qualitäten. Mitbewerber wie der Österreicher Hannes Swoboda waren da trotz ihrer langen Erfahrung im Europaparlament chancenlos – nicht zuletzt, weil Borrell geschickt um Unterstützung aus Frankreich, Griechenland und Portugal buhlte.

Die Chance auf das Präsidentenamt hat Borrells Kämpfernatur wieder zum Vorschein gebracht. Denn lange Zeit war es ruhig geworden um den 57-jährigen Veteranen der spanischen Sozialisten. Der Parlamentsvorsitz ist seine zweite Karriere nach einer vierjährigen Pause. Nicht die Rückkehr sondern die lange Pause hat Kenner des ehrgeizigen Borrell überrascht.

War doch sein Weg lange schier unaufhaltsam nach oben verlaufen: Als Bäckersohn erlernte er sich Stipendien und bastelte neben dem Studium als Luftfahrtsingenieur und Ökonom an der politischen Karriere. Mit 30 saß er in der Madrider Regionalregierung, wenig später war er Staatssekretär, in den 90er-Jahren Superminister für Verkehr und Infrastruktur. "Jeden Tag wird ein Kilometer Autobahn gebaut" lautete seine Devise. Und von seiner persönlichen Erfolgsautobahn konnten ihn auch Korruptionsskandale seiner Regierungskollegen nicht abbringen.

Wer so viel Erfolg hat und laut stolz darauf ist, schafft sich parteiinterne Feinde. Das wurde Borrell 2000 zum Verhängnis: Vier Wochen vor der Wahl trat er als Spitzenkandidat der oppositionellen Sozialdemokraten zurück, offiziell wegen eines Steuerskandals zweier seiner Ex-Berater, inoffiziell wegen anhaltenden Widerstands aus seiner Partei. Die Karriere des zweifachen Vaters schien zu Ende, auch, weil dem politischen Rückschlag ein Herzinfarkt folgte.

Borrell blieb dennoch im spanischen Parlament, fiel aber für seine Verhältnisse nicht weiter auf. Er werkte im EU-Konvent zur Verfassung und wurde eher überraschend Spitzenkandidat für die Europawahl. Die Wahl gewann er haushoch – im Volk ist er beliebter als in seiner Partei.

Parteiinterne Scharmützel kann Borrell als Parlamentspräsident austragen. Er trifft in Brüssel auf einen alten Widersacher um die Parteispitze: Joaquín Almunia, mittlerweile EU-Währungskommissar. (DER STANDARD, Printausgabe, 8.7.2004)

Von Eva Linsinger
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