Pressestimmen Inland: "Die unvollendete Präsidentschaft"

8. Juli 2004, 16:27
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"Die Presse": "Heuchelei" - "Kurier": Viele richtige Worte, aber "zu spät"

Wien - Die Kommentatoren der österreichischen Tageszeitungen setzen sich in den Donnerstag-Ausgaben vor allem mit der Trauerarbeit der Republik nach dem Ableben von Bundespräsident Thomas Klestil in der Nacht auf Mittwoch auseinander. Aber auch die Person des Verstorbenen und dessen Wirken werden gewürdigt.

Michael Fleischhacker in "Die Presse": "Wer dieser Tage die Diskussionsforen der Internetdienste durchstreift und die Diskussionen auf öffentlichen Plätzen verfolgt, der wird vor allem mit einem Thema konfrontiert: Heuchelei. Dass das ausmaß der Betroffenheit über den Tod des Bundespräsidenten gerade bei seinen politischen Gegnern (also im Wesentlichen bei den Parteifreunden) am größten zu sein scheint, wird vielfach als unehrlich und heuchlerisch empfunden. Dass gerade jene, die das Amt des Bundespräsidenten verfassungsmäßig beschneiden wollten, weil sie mit der Person des Amtsinhabers Probleme hatten, Thomas Klestil als großen Staatsmann würdigen, hält man, gelinde gesagt, für unangemessen.

So sehr man diese Reaktion spontan verstehen und auch teilen mag, so sehr lohnt doch auch der Blick auf den Mechanismus, der dahinter steht. Denn er zeigt, dass das, was zunächst als Heuchelei empfunden wird, letztlich doch eine authentische Reaktion ist. wer einem Menschen zu Lebzeiten Übles wollte, ist nach dessen Tod besonders betroffen, weil er als Schuldner mit einer offenen Rechnung übrig bleibt ... Was wir als Heuchelei identifizieren und verurteilen, ist also nichts anderes als ein schlechtes Gewissen. Und da sollte doch gelten: Besser ein schlechtes Gewissen als gar keines."

Franz Ferdinand Wolf im "Kurier": "Staatstrauer. Vier Tage lang trauert das offizielle Österreich um sein Staatsoberhaupt. Protokollarisch, pietätvoll, mit großem Respekt und viel lobender Anerkennung für die Leistungen des Verstorbenen um unser Land. Nun werden über Thomas Klestil viele schöne und richtige Worte gesagt. Auch von erbitterten Gegnern (auch aus den eigenen Reihen). Es ist der richtige Zeitpunkt - aber zu spät. In den langen Jahren seiner Amtsführung musste der Bundespräsident nicht bloß mit harter politischer Kritik leben, sondern auch mit persönlichen angriffen, Gerüchten und der gezielten Diffamierung seines Privatlebens. Bis in seine letzten Lebenswochen.

Heinz Fischer fand die richtigen Worte, als er angesichts des Todeskampfes seines Vorgängers zu menschlicher Besinnung mahnte. Bei aller Härte der Auseinandersetzungen dürfe nie eine grenze überschritten werden: Die der Menschlichkeit. Anerkennung zu Lebzeiten."

Andreas Schwarz im "Kurier": "Thomas Klestil ist nicht der erste österreichische Bundespräsident, der noch während seiner Amtszeit verstirbt. Aber sein Tod nur 36 Stunden vor der geplanten Amtsübergabe an seinen Nachfolger ist von ganz besonderer Tragik. die verdienten Ehrungen und Würdigungen kann Klestil nicht mehr entgegennehmen, den Ruhestand nach einer aufopfernden Tätigkeit nicht antreten."

Hans Winkler in der "Kleinen Zeitung: " "Klestil hat vieles gewollt, als er Bundespräsident geworden ist. Er ist sein Amt mit 'spielerischer Leichtigkeit' und mitreißender Begeisterung angegangen. Heinz Nußbaumer, der ihn jahrelang als Freund begleitete, bevor ihre Wege sich trennten, hat das gestern berührend geschildert. Aber der Höhenflug brach jäh ab. Aus manchen großen Plänen und hochgemuteten Absichten ist nichts geworden. ... Aber das Bild der Österreicher vom Leben und der Leistung Klestils wird nicht davon, sondern vom Drama der letzten Tage bestimmt werden.

Der Zusammenbruch am Beginn der letzten Arbeitswoche, die aussichtslose Behandlung, der Tod genau einen Tag vor dem Ende der Amtszeit: Das hat eine kaum zu überbietende Symbolkraft. Als ob der Präsident nicht in Pension gehen hätte dürfen, um immer der Präsident zu bleiben. Die Verklärung hat auch schon eingesetzt. Gestern hat ihn jemand zum Verantwortlichen für Österreichs EU-Beitritt erklärt. ... Aus dem Präsidenten, der einer 'zum Angreifen' sein wollte, wurde ein Mythos."

Claus Reitan in der "Tiroler Tageszeitung:" "Österreich steht im Banne des plötzlichen Ablebens von Bundespräsident Thomas Klestil. Nationale und internationale Politiker und Vertreter von Organisationen drücken ihre Wertschätzung für seine Persönlichkeit aus. Danken für die Begegnungen mit Klestil, für seinen Einsatz, für sein enormes Engagement. Erst daran wird deutlich, mit welcher Dichte und Konzentration Klestil Kontakte knüpfte, Brücken baute, Österreich vertrat, unser Land repräsentierte, Einzelnen half.

Es ist mehr als nur Ironie eines stets ungewissen Schicksals, dass diese außerordentliche Wertschätzung ihm gegenüber nicht mehr bei der vorgesehenen Amtsübergabe ausgedrückt werden konnte. Das hätten sich viele gewünscht, er jedenfalls. Und verdient. Klestil hatte auch Kritiker, man könnte fast sagen, politische Gegner. In seinem beruflichen wie in seinem privaten Leben gab es auch von ihm ausgelöste Umstände und Vorkommnisse, über welche das letzte, klärende Wort nicht mehr gesprochen werden konnte. Die Bitterkeit plötzlichen Todes liegt in der verlorenen Chance auf Versöhnung. Aus einigen Worten anlässlich des Todes von Thomas Klestil ist zu erkennen, wie einige mit ihm ihren inneren Frieden machen. Gut so."

Michael Sprenger in der "Tiroler Tageszeitung:" "Angesichts des Todes ist vieles lächerlich, schrieb einst Thomas Bernhard. Heuchlerisch könnte man mitunter noch hinzufügen, angesichts des Umgangs mit dem Tod Thomas Klestils. Denn viele seiner politischen Freunde von einst gingen im Laufe der Jahre auf Distanz zu Klestil. Seine politischen Gegenspieler von früher hingegen versuchten ihn für ihre Sache zu verwenden. So wurde aus dem populären Präsidenten am Ende seiner Amtszeit ein Außenseiter. Jedenfalls im innenpolitischen Getriebe.

Es gehört zum tragischen Ende der Dienstzeit, dass Thomas Klestil die Würdigungen für sein politisches Schaffen nicht mehr erleben konnte. Hätte er es allerdings gehört, so hätte er auch ein doppelbödiges Schauspiel der Politik auf der Heuchelleiter erlebt. Zu Lebzeiten wurde er nahe der Lächerlichkeit angesiedelt, jetzt, nach seinem Tod, zum Staatsmann geadelt."

Johannes Huber in den "Vorarlberger Nachrichten": "Der Bundespräsident ist tot. Thomas Klestil starb am 4382. Tag seiner Amtszeit. Zwei Tage vor deren Ende. Im Rahmen eines Festaktes konnte er denn auch nicht mehr verabschiedet werden. So, wie er es sich verdient gehabt hätte. Diese Tragik ist symptomatisch für die gesamte Ära des Sohnes eines Straßenbahners, der sich im diplomatischen Dienst hochgearbeitet hatte."

Auf der Titelseite der "Salzburger Nachrichten" ist am Donnerstag folgender "Standpunkt" zu lesen: "Der Tod Bundespräsident Thomas Klestils 36 Stunden vor Ablauf seiner Amtszeit ist symbolisch für die Größe, aber auch die Tragik dieses Staatsmannes. Der schwer kranke Mann gönnte sich keinen Moment der Resignation. Sein eiserner Wille zwang ihn, seine Amtspflichten bis zuletzt ordnungsgemäß wahrzunehmen. Als dieser selbst auferlegte Druck von ihm wich, wich auch das Leben von ihm. Die Amtsübergabe, der Machtverlust, der Rückzug ins Private, das Pensionistendasein: Offensichtlich lohnte es sich für Thomas Klestil nicht, dafür zu kämpfen und zu leben."

Werner Rohrhofer im "Volksblatt": "Mit Thomas Klestil ist ein Mann gestorben, der das politische Geschehen in Österreich in den vergangenen zwölf Jahren mitgeprägt hat. Weniger zwar, als er vielleicht selbst wollte. Aber doch in einem bleibenden und zu würdigenden Ausmaß.

Thomas Klestil war ein "Grenzgänger" im wahrsten Sinn des Wortes. Vor allem in seiner ersten Amtszeit war er bestrebt, sein Wahlversprechen einzulösen und ein "aktiver Präsident" zu sein. Was im Verständnis Klestils bedeutete, an die Grenzen der Möglichkeiten seines Amtes zu gehen, ja, diese Grenzen in so manchem Fall auch zu überschreiten. Ein Amtsverständnis, das ihn fast zwangsläufig in "Abgrenzungs-Konflikte" auch mit der Bundesregierung bringen musste. Und so wurde Klestil zu einem Grenzgänger, der die durch die Verfassung vorgegebene Begrenztheit seines Amtes schmerzlich erfahren musste. Und der darunter vermutlich mehr gelitten hat, als er sich in den meisten Fällen anmerken ließ. ...

Nicht erspart geblieben ist dem Grenzgänger Thomas Klestil die Erfahrung der Begrenztheit menschlichen Lebens im privaten Bereich. Bis hin zur letzten Grenze, die er nun im Tod überschritten hat, als Katholik im Glauben an die Auferstehung. In dieser Stunde ist die Republik vereint in der Trauer und im Schmerz um den Verlust von Thomas Klestil. Aber auch in dem Wissen: Ein durch und durch österreichisches Herz hat zu schlagen aufgehört."

Ernst Trost in der "Kronen Zeitung": "Klestil war ein sehr politisches Staatsoberhaupt. Oft ging er an die Grenzen seines Amtes. Doch selbst die Gegner, die er sich damit schuf, trauern heute ehrlich um ihn und zollen ihm den verdienten Respekt."

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Bereits am Mittwoch wurde das Wirken Thomas Klestils in ersten Kommentaren der österreichischen Tageszeitungen gewürdigt.

Im "Kurier" schrieb Herausgeber Peter Rabl unter dem Titel "Er hat der Republik alles gegeben" über die "unvollendete Präsidentschaft" Klestils: "Bis zum Schluss war Thomas Klestil ein Bundespräsident wie keiner vor ihm. Sein Tod, wenige Tage vor dem Ende seiner Amtszeit, mit viel öffentlicher Begleitung und unter solch dramatischen Umständen, ist ein stimmiger Abschluss seiner Präsidentschaft. Unvollendet bis zuletzt. Nicht nur die Pietät gebietet es, zuallererst dem Menschen Thomas Klestil Dank zu sagen und Respekt zu zollen. Die Fotos von seiner Angelobung vor zwölf Jahren erinnern an einen kraftstrotzenden und selbstbewussten Mann auf dem Höhepunkt seiner Lebenskurve. Die Bilder des schwer Kranken aus den letzten Tagen zeigen: Er hat der Republik alles gegeben. Buchstäblich, bis zur ultimativen Überforderung seines geschwächten Körpers. Er hat es sich nie leicht gemacht, aber uns anderen bisweilen auch nicht. Hat sich und dem Land mehr versprochen als er einhalten konnte."

Rabl ist der Auffassung, "dass gerade sein zeitweise turbulentes Privatleben die Amtstätigkeit und das Ansehen von Thomas Klestil deutlich beeinträchtigt hat. Das Ende seiner langjährigen ersten Ehe wurde zum ersten Bruch seiner Wahlversprechen. Von den Schäden dieses privaten Konfliktes hat sich der Mensch und hat sich der Politiker nie mehr erholt. Seine privaten Probleme werden wohl mit der Erinnerung an Thomas Klestil verbunden bleiben. Daneben dürfen seine politischen Spuren nicht verwehen. Vieles ist unvollendet geblieben, in manchem ist er gescheitert, auch an zu hoch angelegten Erwartungen an sich selbst. Bleiben wird am ehesten sein außenpolitisches Engagement. Er hat sein Bestes gegeben. Wir haben zu danken."

In der "Presse" schrieb Chefredakteur Andreas Unterberger unter dem Titel "Trauer und Respekt" über die "Tragik" des Thomas Klestil. "Wir alle sind sterblich, auch wenn wir das oft verdrängen. Stirbt das Staatsoberhaupt, dann stirbt aber irgendwie auch ein Teil der Republik mit. Daher trauern heute auch alle jene, die mit Thomas Klestil die eine oder andere Differenz hatten." Unterberger verweist auf "viele Erfolg", die Klestil in seinem Leben erzielt habe. "Er war einer der glänzendsten Diplomaten des Landes. Er hat als Präsident einen wichtigen Schwerpunkt in Mitteleuropa geschaffen. Er hat einen der sensationellsten Wahlsiege erzielt und selbst im roten Wien den sozialdemokratischen Kandidaten besiegt."

"Dennoch ist Klestil in tragischer Weise an seinem Amt zerbrochen. Zum einen, weil der in amerikanischer Art projizierte Anspruch in Sachen Familie und Ehe nicht mit der allzu menschlichen Realität konform ging. Zum anderen, weil er bei den Sanktionen eine unglückliche Rolle gespielt hat: Ausländische Regierungschefs beriefen sich vor ihren eigenen Parlamenten auf Klestil, weil dieser die Sanktionen gewünscht habe; auch in seiner eigenen Rechtfertigung konnte Klestil kein internationales Engagement zur Verhinderung der Sanktionen nachweisen (sondern nur zur Verhinderung der Koalition)."

Der "Presse"-Chefredakteur schrieb dann weiter: "Dieses Scheitern Klestils bei der Verhinderung von Schwarz-Blau steht gleichsam symbolisch für die gesamte Tragik seiner Amtszeit: Er ist letztlich an der Diskrepanz von Anspruch und Realität zerschellt. Das - und nicht nur das beklemmende Timing seines Todes - macht die Amtszeit einer anfangs so vielversprechenden Persönlichkeit im Rückblick zu einer tragischen. Der Anspruch des Verfassungstextes, den Klestil zu Beginn so ernst genommen hat, entspricht nicht den realpolitischen Möglichkeiten. Das hat Thomas Klestil nie ganz überwunden. Er wollte mehr sein als ein Franz Jonas, der lediglich fotografierend durch die Weltgeschichte fuhr, oder ein Kurt Waldheim, der in vielen Ländern nicht einmal fotografieren durfte. Aber er hat es nicht geschafft. "

Chefredakteur Claus Reitan meint in der "Tiroler Tageszeitung", Klestil "hat viel gewollt, nur manches erreicht". Seine Persönlichkeit sei "zu vielfältig und vielseitig, um ihr mit einem Wort gerecht zu werden. Er hat Nähe und Anerkennung in persönlichen Begegnungen und in öffentlichen Auftritten gesucht. Kritik hat er, wohl auch vor dem Hintergrund seiner enormen Anstrengungen, eben deshalb kaum verstanden. Der offenen Auseinandersetzung und der direkten Konfrontation ging er eher aus dem Weg. Er wollte weder seine Person noch das Amt in eine strittige Debatte geraten lassen. Aber sein Amt hat er dazu genutzt, Österreich zur Öffnung zu drängen, mit alten Gewohnheiten etwas brechen zu lassen und einen übrigens sehr guten Kontakt zu den Nachbarstaaten herzustellen. Auf diesen Gebieten hat Klestil, dem der Zynismus manch seiner Kritiker fremd war, Bleibendes geleistet."

Das "Neue Volksblatt" würdigt den verstorbenen Bundespräsidenten als einen Mann, "der das politische Geschehen in Österreich in den vergangenen zwölf Jahren mitgeprägt hat. Weniger zwar, als er vielleicht selbst wollte. Aber doch in einem bleibenden und zu würdigenden Ausmaß. Thomas Klestil war ein 'Grenzgänger' im wahrsten Sinn des Wortes. Vor allem in seiner ersten Amtszeit war er bestrebt, sein Wahlversprechen einzulösen und ein 'aktiver Präsident' zu sein. Was im Verständnis Klestils bedeutete, an die Grenzen der Möglichkeiten seines Amtes zu gehen, ja, diese Grenzen in so manchem Fall auch zu überschreiten." Als besondere Verdienste würdigt die ÖVP-Zeitung, dass er "das Ansehen Österreichs in der Welt und bei den Großen dieser Erde nachhaltig positiv geprägt" habe. "In dieser Stunde ist die Republik vereint in der Trauer und im Schmerz um den Verlust von Thomas Klestil. Aber auch in dem Wissen: Ein durch und durch österreichisches Herz hat zu schlagen aufgehört." (APA)

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