Geburtsstunden heroischer Körper

15. Juli 2004, 20:00
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Mit "Michelangelo und seine Zeit" belegt die Albertina eine Neudefinition des Körperbildes - und ihre Kernkompetenz

Mit der Schau "Michelangelo und seine Zeit" präsentiert die Albertina Zeichnungen des großen Florentiners, Werke von Leonardo da Vinci, Raffael und anderen italienischen Zeitgenossen. Rund 100 Arbeiten belegen die Neudefinition des Körperbildes.


Wien - Im Jahr 1504 werken die beiden großen Künstlerkonkurrenten des Cinquecento - Michelangelo Buonarroti und Leonardo da Vinci - unmittelbar nebeneinander: Michelangelo hat gerade seinen David vollendet und beginnt mit der Arbeit an den Kartons zur Schlacht von Cascina für die Sala del Consiglio im Palazzo Vecchio von Florenz. Leonardo arbeitet am Fresko Schlacht von Anghiari - für denselben Saal. Michelangelo hat sein Werk nur teilweise auf Kartons ausgeführt, die später zerschnitten und in die ganze Welt verstreut wurden. Leonardos Fresko blieb unvollendet und fiel einer späteren Umgestaltung des Saales zum Opfer.

Dennoch gehören die Studien mit zu den berühmtesten Schlachtdarstellungen der Kunstgeschichte. Noch während der Arbeit Michelangelos und Leonardos kamen dutzende Künstler, um Studien nach den Kartons zu zeichnen. Und der exzentrische Goldschmied Benvenuto Cellini erklärte die Kartons der beiden in seiner Autobiografie zur "Schule für die Welt".

Zwei Aktstudien und ein Rückenakt (mit Lanze) machen deutlich, wovon die Zeitgenossen wohl begeistert waren, worin der enorme Einfluss Michelangelos begründet lag: Er hatte eine gänzlich neue heroische Körpersprache entwickelt, die antike Ideale und anatomisch genaue Naturstudien vereint. Für Vasari haben Michelangelos Akte gar die Antike übertroffen.

Standardakt

Muskulöse Männer sind das, kraftvoll, geladen, immer am Sprung - Vorbilder für Jahrhunderte. Nicht zufällig stammen die meisten Michelangelo-Zeichnungen der Albertina aus dem Besitz von Peter Paul Rubens. Im Vergleich zu Michelangelos Kraftlackeln scheinen jene Leonardo da Vincis mehr das Individuelle zu betonen, verweisen die Körper zurück auf die emotionalen Ursachen der Anspannung.

Raffael - der Dritte, der die Hochrenaissance entscheidend mitbestimmt hat - kam vermutlich aus Interesse an den Kartons Michelangelos nach Florenz. Er nimmt Michelangelos neuen Akttypus auf, lässt die Figuren aber weicher, gerundeter erscheinen.

Und verleiht ihnen zugleich ein Mehr an Dynamik. In der Gruppe erscheinen sie weniger isoliert, stärker aufeinander bezogen, einem harmonisch bewegten Kompositionsganzen untergeordnet. Die Studie zweier nackter Jünglinge (um 1505), in Rückenansicht auf einem Hügel, zeigt die souveränen Strichwechsel zwischen betont kräftig und entspannt, fast beiläufig hingestrichelt.

Raffaels Feder akzentuiert die belasteten Körperstellen, er scheint Anatomie eher als organisches Ganzes zu verstehen als Michelangelo, der Körper wie aus dem Muskelbaukasten heraus entwickelt.

Rund 100 Werke belegen in der Albertina die Entwicklung Michelangelos von 1490 bis zu seinem Todesjahr 1564, von Beginn der Hochrenaissance bis zum Ausklang des Manierismus; und die enorme Verbreitung seiner Bildfindungen vor allem durch die Schüler Raffaels wie Giuglio Romano, Polidoro da Caravaggio oder Perino del Vaga. In Rom sorgten Benvenuto Cellini, Sebastiano del Piombo und Rosso Fiorentino für den Einfluss Michelangelos. Der "Sacco di Roma", die Verwüstung der Stadt 1527 durch die Truppen Karls V., half ebenso mit, Michelangelos Ideen zu tradieren - viele Künstler flohen in andere Regionen Italiens.

Auch forciertes Interesse an seiner Arbeit konnte Michelangelo nicht dazu bewegen, sein Land zu verlassen. Er schickte einen seiner Schüler mit einer Kiste voller Zeichnungen an den französischen Hof. Und schließlich war es Rosso Fiorentino, der als Hofmaler nach Paris und Fontainbleau zog. Zumindest indirekt war Michelangelo dadurch Gründungsmitglied der Schule von Fontainbleau. Er selbst ging nach Rom, erarbeitete das Jüngste Gericht für die Sixtina und übernahm schließlich die Bauleitung von St. Peter.

Mit der Ausstellung "Michelangelo und seine Zeit" zeigt die Albertina ihre Kernkompetenz. Papier hat im gegenständlichen Zeitraum endgültig andere Trägermaterialien abgelöst. Womit erst Studien und Skizzen ohne großen Aufwand möglich wurden und die Zeichnung zu einer nicht nur praktischen, sondern eigenständigen künstlerischen Kategorie. 1563 gründete Vasari in Florenz die Accademia del Disegno, womit die Gleichstellung des Mediums auch institutionell besiegelt war. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9. 7. 2004)

Von
Markus Mittringer

Link

www.albertina.at

Bis 26. 10.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Studie zum Wandbild "Schlacht von Cascina": Michelangelos "Männlicher Rückenakt" (um 1504)

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