Klestil hielt über 1.400 Reden

11. Juli 2004, 18:43
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Eine bewegte Amtszeit: Erfolge in der Außenpolitik, Ohnmacht in innenpolitischen Angelegenheiten

Wien - Mit Thomas Klestil, der im Alter von 71 Jahren gestorben ist, verliert Österreich den siebenten Bundespräsidenten der Zweiten Republik. Klestil verstarb zwei Tage vor dem Ende seiner zwölfjährigen Amtszeit. Montag Früh musste er nach einem Herzstillstand in künstlichen Tiefschlaf versetzt werden, aus dem er nicht mehr erwacht ist.

"Macht braucht Kontrolle"

Angetreten war Klestil 1992 mit dem Anspruch, ein aktiver Bundespräsident zu werden. "Macht braucht Kontrolle" lautete sein Werbeslogan im Wahlkampf. Der gelernte Diplomat kam auf dem glatten innenpolitischen Parkett jedoch bald ins Schleudern. 1994 unterlag er dem damaligen Bundeskanzler Franz Vranitzky (S) im Streit um die Kompetenzen in der EU. Sechs Jahre später zeigte ÖVP-Obmann Wolfgang Schüssel, wie gering die tatsächliche Macht eines Bundespräsidenten ist. Gegen seinen ausdrücklichen Willen musste Klestil die schwarz-blaue Koalition angeloben.

Erfolgreicher war Klestils außenpolitisches Engagement. Der Ex-Diplomat absolvierte mehr als 130 Auslandsbesuche, die auch aus wirtschaftlicher Sicht von großer Bedeutung waren. Politisch historisch war im November 1994 sein Staatsbesuch in Israel, der erste eines österreichischen Bundespräsidenten. In Österreich empfing er mehr als 500 ausländische Staatsgäste in der Hofburg. Zu etlichen Amtskollegen knüpfte Klestil eine persönliche Freundschaft, wie Vaclav Havel und Wladimir Putin.

Bleibende Spuren hinterlässt Klestil auch mit seinem Engagement im Rahmen der Zentraleuropäischen Initiative (CEI). Im August 1994 hatte er zum ersten mitteleuropäischen Präsidentententreffen nach Alpbach geladen, das heute zu einer fixen Einrichtung geworden ist.

Populär

Klestil war ein populärer Präsident. Drei Tage nach der Angelobung am 8. Juli 1992 gab es erstmals einen "Tag der offenen Tür" in der Hofburg. Es folgten noch drei weitere. Ein fünfter Tag der offenen Tür war zum Amtsende geplant, musste aber wegen der angeschlagenen Gesundheit des Staatsoberhauptes abgesagt werden.

Die gesundheitlichen Probleme Klestils begannen 1996. Im September erkrankte er an einer atypischen Lungenentzündung. Im AKH musste er in künstlichen Tiefschlaf versetzt werden - ohne dass die Regierung oder die Öffentlichkeit zunächst informiert worden war. Es folgte eine Lungenembolie im selben Jahr, eine Lungenentzündung und eine Operation an beiden Achillessehnen im Vorjahr. Jetzt erlag Klestil den Folgen eines unerwarteten Herzstillstandes, zwei Tage vor dem Ende seiner zwölfjährigen Amtszeit.

Ehekrise

Klestils Popularität bekam- vor allem in ÖVP-Kreisen - erste Risse mit der Ehekrise. Im Wahlkampf wurde noch die "heile Familie" plakatiert. Eineinhalb Jahre später - im Jänner 1994 - musste Klestil bestätigen, dass seine Frau Edith aus der Amtsvilla ausgezogen ist. Die Neue an der Seite des Präsidentin war dessen Wahlhelferin und Mitarbeiterin in der Präsidentschaftskanzlei, die Gesandte Margot Löffler. Hochzeit gefeiert wurde aber erst im Dezember 1998, ein halbes Jahr nach Klestils Wiederwahl.

Über 1.400 Reden

Mehr als 1.400 Reden hat die Präsidentschaftskanzlei vom scheidenden Bundespräsidenten archiviert. Seine letzte Rede hätte er am 8. Juli anlässlich der Verabschiedung im Rahmen einer Festsitzung von National- und Bundesrat im Parlament halten sollen - im Rahmen der Amtsübergabe an seinen Nachfolger Heinz Fischer.

Sohn eines Straßenbahners

Geboren wurde Klestil am 4. November 1932 als Sohn eines Straßenbahners in Wien-Erdberg. Nach Matura und Studium der Handeswissenschafter absolvierte Klestil zunächst eine Bilderbuchkarriere als Diplomat. OECD in Paris, UNO in New York und Washington waren einige Stationen seines diplomatischen Laufbahn. Ab 1987 war er als Generalsekretär der ranghöchste Beamte im Außenministerium. Ende 1991 wurde Klestil vom damaligen ÖVP-Obmann Erhard Busek als Kandidat für die Hofburg nominiert.

Klestil hinterlässt drei erwachsene Kinder aus erster Ehe. (APA)

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