Wissen: "Winterschlaf" mit dem Respirator

7. Juli 2004, 00:22
3 Postings

Wie Maschinen Leben erhalten

Patienten mit bedrohlichen Schädigungen des Gehirns - wie der Herzstillstand von Bundespräsident Thomas Klestil - werden in den "künstlichen Tiefschlaf" versetzt. Dadurch werden die nicht in Mitleidenschaft gezogenen Gehirnregionen geschont.

"Der durch den Herzstillstand ausgelöste Sauerstoffmangel kann ganze Areale des Gehirns beschädigen", erklärt Michael Zimpfer, Vorstand der Wiener Universitätsklinik für Anästhesie und Allgemeine Intensivmedizin am AKH, im Gespräch mit dem STANDARD. Um eine Gehirnschwellung zu vermeiden, wird das Gehirn "in einen Winderschlaf versetzt, in dem die Zellen um 40 Prozent weniger Sauerstoff verbrauchen."

Für den künstlichen Tiefschlaf reichen schon wenige Grad Unterschied in der Körpertemperatur. Oder aber die Behandlung erfolgt medikamentös durch die so genannte Sedo-Analgesie - die Sedierung des Patienten bei gleichzeitiger Schmerzausschaltung. Im Unterschied zu Narkosegasen hält die Sedo-Analgesie zwei bis drei Wochen an.

Da Patienten im künstlichen Tiefschlaf aber weder atmen noch essen noch den eigenen Kreislauf aufrechterhalten können, hängen sie auch an einem Respirator, der die Luft in die Lunge pumpt und sie wieder absaugt. Dazu kommt eine Sonde in den Magen, die sie mit Nahrung und Flüssigkeit versorgt. Der Kreislauf werde elektronisch überwacht und gleichzeitig medikamentös gesteuert, "um die optimale Angebotsseite für das Gehirn zu bieten", sagt Zimpfer.

Bei Multiorganversagen wie beim Bundespräsidenten "muss man sagen, dass die Störung von einem Organ immer Störungen von anderen nach sich zieht". Organe seien "verschieden schwer zu ersetzen". Die Niere - "das leichteste" - könne durch Dialysemaschinen ersetzt werden oder durch die Hämodiafiltration, eine ebenso maschinelle, aber langsamere und sanftere Form der Dialyse, die bei besonders schweren Fällen angewandt wird. Die Leberfunktionen seien schwieriger: Am AKH werde eine spezielle Blutreinigungsmaschine eingesetzt. Der Nachteil bei maschinellen Organen: Ab drei Stück gebe es Gerinnungsstörungen im Blut, die zum Herzstillstand führen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7.7.2004)

Share if you care.