Verschmelzung von Kino und Bühne

7. Juli 2004, 10:52
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Tanz mit Aktionismus: Die Big Art Group und die Superamas bei der Sommerszene Salzburg

Salzburg - Im Salzburger Dom vergießt eine Präsidentin bittere Tränen. "Ich bin so gelangweilt von meiner Republik", beichtet sie. "Ich habe schlechte Gedanken. Ich will nur noch im Bett liegen und schlafen." Es ist Sonntagnachmittag. Meg Stuart, Choreografin und aktuelle gewählte Präsidentin der vom Salzburger Sommerszene-Festival eingerichteten "Kunstrepublik", ist unglücklich über ihre Regierung. Was seit Montag wie eine unheimliche Parallele zur österreichischen Wirklichkeit erscheint, ist Teil des Projekts Redefining Action.

Das Salzburger Stadtgebiet wird mit kleinen Aktionen "infiziert". Der amerikanische Performer Davis Freeman rutscht auf Knien in der Sigmund-Haffner-Gasse herum und spricht Passanten an. Die deutsche Choreografin Isabelle Schad sinkt zu Boden, die Umstehenden rufen die Rettung. Die Präsidentin nimmt in Tracht an der Unity-Parade teil, winkt den Salzburgern zu, schüttelt Hände. "Wenn ich noch einmal Hände schütteln muss, werde ich mich übergeben", beichtete sie.

Die österreichisch-französische Gruppe Superamas veranstaltete falsche Filmcastings auf dem Kapitelplatz und im Augustinerbräu. Die Anwärter auf ein Plätzchen im Kinohimmel wurden in kleine Szenen verstrickt. Der Schrei "Salzburg lied to me!" hallte von der Domfassade wider, Ohrfeigen wurden ausgeteilt. Superamas machte aus dem Filmen eine öffentliche Performance. Touristen hielten dieses seltsame Treiben für ihr Heimkino fest. Im Braugarten wurde ein Streit zwischen einer kunst- und einer fußballbegeisterten Figur inszeniert. Protagonistin der performativen Drehs war die Tanzstudentin Valerie Oberleithner, in weiteren Rollen spielten Freeman, Schad und die Choreografin Lilia Mestre.

Tragische Obsessionen

Eingebettet in dieses aktionistische Ausufern des Festivals zeigte die Sommerszene bis dato zwei Performances von New Yorker Künstlern. Flicker von der Big Art Group unter Caden Manson und Shadowmann 1 von Sarah Michelson. Wie schon im Vorjahr mit dem exzellenten Stück Shelf Life, brillierte die Big Art Group wieder mit einer gelungenen Verschmelzung von Kino und Bühne. Auch in Flicker wird live - und sichtbar - gespielt, was auf der Leinwand zu sehen ist: die Kreuzung aus einem Melodram um tragische Obsessionen und einer Blair Witch Project-Persiflage, in der ein Killer seine Opfer durch den Wald hetzt.

Während in Shelf Life die US-Comedy auf die Schaufel genommen wird, geht es in Flicker um die Faszination am Sinistren im Kino jenseits des Atlantiks. Charakteristisch für Manson ist auch, dass eine Figur von mehreren Akteuren zugleich gespielt wird, dass Hautfarben und Geschlechter gemischt werden, und dass drei fix nebeneinander montierte Kameras in simultaner Übertragung eine dreiteilige Bildprojektion erzeugen. Die Choreografie für die Darsteller besteht darin, dass sie sich für jeden Perspektivwechsel den Kamerapositionen entsprechend in Stellung und Aktion bringen müssen.

Während Flicker einen ebenso witzigen wie innovativen Diskurs über Theater, Choreografie und Film vorgibt, übt Sarah Michelson sich in einer Art Mickymaus-Konzeptualismus. Auch eine famose Kindergruppe macht nicht wett, dass Michelson sich mit Fragen der Repräsentation im Tanz viel zu wenig auseinander gesetzt hat und an der Nebulosität ihrer Ideen scheitert. (DER STANDARD, Printausgabe, 7.7.2004)

Von
Helmut Ploebst
  • Die Faszination des Sinistren: In "Flicker" spielt die Big Art Group, was auf der Leinwand zu sehen ist.
    foto: sommerszene

    Die Faszination des Sinistren: In "Flicker" spielt die Big Art Group, was auf der Leinwand zu sehen ist.

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