Der Konkretisierer

7. Juli 2004, 19:05
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Die niederländische Botschaft hat STANDARD-Cartoonist Jean Veenenbos eine Retrospektive im Quartier 21 des Museumsquartiers ausgerichtet

Man spürt: Cartoonist ist kein Lehr-, sondern ein Seh- und Erlebnisberuf.

Wien – "Im Wesentlichen", sagt Jean Veenenbos, "bin ich ein ,Konkretisierer', und als solcher eigentlich in die falsche Zeit geboren." Überall ist er auf Abstraktion gestoßen, eine Tendenz, die seinen Intentionen, die seinem Wesen widerspricht.

Nie war es ihm ein Anliegen, nach dem Allgemeinen zu suchen, nach Modellen, die Welt einfacher zu fassen. Den konkreten Sachverhalt, die Qualität des speziellen Ortes, die Essenz einer bestimmten Begegnung, den wahren Kern hinter einem diplomatisch geführten Gespräch, wollte und will er zeigen, winzige Details der realen Welt, die das große Ganze ausmachen, womöglich sogar bestimmen.

Oder einfach nur die Schönheit einer Fassade, ein ganz spezielles Licht, einen gerade eben umfallenden Kleiderständer. Ein solcher erschien Veenenbos einst so bemerkenswert, dass er dessen Fall akribisch genau festgehalten hat – detailgenau und mit allen künstlerischen Mitteln, die Illusion von Bewegung zu erreichen.

Erst später fand er zu einer symbolischen Deutung des Vorfalls: Er stand gerade wieder einmal vor dem Nichts, kam aus Deutschland nach Wien zurück, war job- wie brotlos und dementsprechend depressiv. In diesem Zustand kann ein stürzender Ständer sehr beeindruckend sein – "in der Stadt Sigmund Freuds". Das symbolträchtige Bild hängt in einer kleinen Retrospektive auf Jean Veenenbos, welche die niederländische Botschaft in Wien im Kabinett des Quartier 21 ausgerichtet hat. Das sei quasi "posthum" geschehen, meint der Geehrte, nach einer schweren Krankheit gerade am Wiedergenesen. Er freue sich aber, und werde in seinem neuen Leben in jedem Fall hinschauen. "Wahrscheinlich ein wüstes Durcheinander", kommentiert er die Werkauswahl, was aber keineswegs irgendjemandem anderen als ihm selbst in die Schuhe zu schieben sei.

Schließlich konnte nur ausgestellt werden, was an Material überhaupt verfügbar war. Und da ihm das Archivieren eigener Werke oder Dokumente ebenso zuwider ist wie jede andere Form, zu geregelten Verhältnissen zu gelangen, mussten die Exponate eben reichen. Und außerdem habe er störrischerweise auch kein "Oeuvre", immer bloß gemacht, was sich ergab, und mit allen nur erdenklichen Techniken experimentiert.

Gute Kritiken

1932 auf Java zur Welt gekommen, verschlug es ihn nach Schuljahren in der Schweiz zunächst nach Amsterdam, später – um dem Militärdienst zu entgehen – nach Wien. Sein Lebensplan sah vor, als Bohemien Erfolg zu haben. Womit man im Wien jener Jahre eher dazugehörte, als außen stand.

Worauf erste Aufträge als Bühnenbildner in Kellertheatern zurückzuführen sind: "In der Regel waren die Regisseure miserabel, aber ich bekam gute Kritiken." Die logische Konsequenz daraus, an die großen Häuser zu wechseln, wollte er nicht ziehen: "Der bürokratische Apparat war mir einfach widerlich. Und Pathos ist mir ohnehin fremd."

Jean Veenenbos ging zum Film, wo er diverse Werbungen ausstattete – "Von Persil auf und ab." – oder auch als zweiter Architekt (und Nebendarsteller) für John Hustons Walk with Love and Death wirkte. Erwähnenswert an seiner lebenslänglichen Ausbildung zum Cartoonisten ist noch Veenenbos' Pflasterstein-Enterprises, eine hoch erfolgreiche Produktionsfirma für "inszenierte Softpornos".

Dann kam STANDARD-Herausgeber Oscar Bronner, und aus Jean Veenenbos wurde ein hauptberuflicher Cartoonist. Außer für den STANDARD auch für die NZZ, die Süddeutsche Zeitung und das Satiremagazin Nebelspalter. Und seitdem zeigt er uns, wo sich die Wahrheit verbirgt: Dort, wo der Pleitegeier statt des Bratens im Kühlschrank sitzt, oder die Tiermehlmüllerin den Schäfer fragt, ob er seine Schafe lieber glatt oder griffig gemahlen haben möchte. (DER STANDARD, Printausgabe, 7.7.2004)

  • Gustav Peichl über Jean Veenenbos: "Seine Arbeiten machen Dinge sichtbar, die von den schreibenden Journalisten nicht formuliert werden können."
    grafik: veenenbos

    Gustav Peichl über Jean Veenenbos: "Seine Arbeiten machen Dinge sichtbar, die von den schreibenden Journalisten nicht formuliert werden können."

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