Lagerfeuerromantik in der Oper

9. Juli 2004, 21:15
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Pat Metheny solo und mit neuem Trio beim Jazzfest Wien

Wien - Manche Menschen altern nicht. Pat Metheny jedenfalls wehrte sich bisher standhaft gegen körperliche und textile Verfallserscheinungen. Der Mann trägt noch immer dieselbe wuschelige Haarpracht wie vor 30 Jahren. Und auch das legendäre gestreifte Sweatshirt, die abgewetzten Jeans und die obligaten Turnschuhe scheinen aus ähnlich lang verflossener Zeit zu stammen. Als wäre er gerade vom Lagerfeuer aufgestanden, wo er mit seiner Klampfe die Herzen der Anwesenden erwärmt hatte, füllte er am Dienstag im Rahmen des Jazzfests Wien die hehre Halle der Staatsoper mit juveniler Nonchalance.

Heimelige Folk-Jazz-Balladen erklangen da eingangs, dem Soloprogramm der letzten CD One Quiet Night entnommen: Stücke mit Titeln wie Last Train Home, versöhnliche Americana-Zelebrationen, unter die sich nicht zufällig Don't Know Why mischte, jener Jesse-Harris-Hit, mit dem sich zurzeit Norah Jones eine goldene Nase verdient. Um wohltuend sublim mit einer Paraphrase des 1981 mit David Bowie geschriebenen Hits This Is Not America auch musikalische Fragezeichen in den Raum zu stellen.

Ja, allen äußerlichen Faktoren zum Trotz präsentierte sich Metheny als gereifter, nachdenklicher Saitenmeister, der auch musikalisch die Klischees auf Distanz hält. Was sich bestätigte, als sich nach rund einer halben Stunde Christian McBride und Antonio Sanchez an Bass und Schlagzeug dem Gitarristen beigesellten: ideale, auch solistisch durch Formbewusstsein glänzende Partner in einer enorm homogenen und zugleich spritzigen, schlanken Trio-Einheit, in der Methenys Harmoniefreudigkeit sich mit Abgeklärtheit paarte.

Neo-Bop, Fusion, Elektrisches, Akustisches - hier wurde entspannt die Quersumme aus jenen Taten gezogen, mit denen sich der Mann aus dem ruralen Montana einen Sitz im Gitarren-Olymp erspielt hat. Sogar Methenys Krach-Opera Zero Tolerance of Silence und The Sign of 4, mit denen er in den 90ern die Jazzwelt in Staunen versetzt hatte, sie hallten momentweise in den Stücken wieder. Horace Silvers Lonely Woman geriet zur exemplarisch tiefen, grandios umgesetzten Gedankenschau. Ein eindrucksvoller Abend, der des i-Tüpfelchens des Zugaben-Gasts Bobby McFerrin gar nicht mehr bedurft hätte. (DER STANDARD, Printausgabe, 7.7.2004)

Von
Andreas Felber
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