Deutsche Wirtschaft "wartet auf Godot"

18. Juli 2004, 18:36
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Experten über Erholung uneinig - HWWA: "Alles wartet auf den Aufschwung, aber der lässt auf sich warten" - Verunsicherung bei Unternehmen und Privatleuten lässt Aufschwung ausbleiben

Hamburg - Das Hamburgische Welt-Wirtschafts-Archiv (HWWA) schätzt die Wirtschaftserholung in Deutschland skeptischer als andere Forschungsinstitute ein und hat seine Wachstumsprognosen nicht erhöht.

"Die Situation in Deutschland lässt sich mit dem Theaterstück "Warten auf Godot" (von Samuel Beckett, Anm.) vergleichen: Alles wartet auf den Aufschwung, aber der lässt auf sich warten," sagte HWWA-Konjunkturchef Eckhardt Wohlers am Dienstag in Hamburg. Noch sei der Funke vom Export nicht auf die Binnennachfrage übergesprungen. Für dieses Jahr geht das Institut wie bisher von einem Wirtschaftswachstum um 1,5 Prozent aus. Für 2005 senkte das HWWA seine Prognose sogar auf 1,4 von 1,5 Prozent. Am Arbeitsmarkt werde der konjunkturelle Aufschwung fast völlig vorbei gehen, erklärten die Hamburger Forscher.

Verunsicherung

Maßgeblich für das Ausbleiben eines kräftigen Aufschwungs sei die Verunsicherung bei Unternehmen und Privatleuten. "Der von der Agenda 2010 und der Neuausrichtung der Arbeitsmarktpolitik erhoffte Vertrauensgewinn ist bisher ausgeblieben, und das derzeitige Hin und Her ist schwerlich dazu angetan, das Vertrauen in die Politik zu stärken", erklärten die HWWA-Forscher. Zusätzliche Unsicherheit hätte der Anstieg des Ölpreises gebracht.

Gestützt werde die Konjunktur dagegen von der Geldpolitik. Während das HWWA davon ausgeht, dass in den USA nach der jüngsten Leitzinserhöhung weitere Zinsschritte folgen werden, erwarten die Forscher von der Europäischen Zentralbank (EZB) bis Mitte 2005 unveränderte Zinsen.

Tempo in Wachstumszentren verlangsamt sich

Von Seiten der Weltwirtschaft gingen weiter spürbare Impulse für die deutsche Wirtschaft aus, erklärte das HWWA. Das Tempo in den bisherigen Wachstumszentren USA und China dürfte sich allerdings etwas verlangsamen. Risiken in den USA stellten auch im nächsten Jahr unter anderem das hohe Defizit sowie die Verschuldung der privaten Haushalte dar. Bei der derzeit boomenden Weltwirtschaft bedeute die leichte Abschwächung in den USA und China eine Normalisierung, führe aber zu weniger Nachfrage nach deutschen Exporten, sagte HWWA-Chef Thomas Straubhaar. Daraus resultiere auch die vorsichtigere Wachstumsprognose für Deutschland 2005.

Zuletzt hatten das Kieler IfW, das IWH in Halle, das Münchner Ifo-Institut und das Berliner DIW ihre Prognosen auf 1,7 oder 1,8 Prozent erhöht. Die Prognosen für 2005 liegen zwischen 1,3 und 2,1 Prozent. In der Gemeinschaftsvorhersage im Frühjahr hatten die Institute für 2004 ein Wachstum von 1,5 Prozent prognostiziert.

Hartz-Reformen seien "halber Weg"

Die bisherigen Reformen für den deutschen Arbeitsmarkt reichen nach Ansicht von Straubhaar noch nicht aus. Mit den so genannten Hartz-Reformen sei erst die erste Hälfte des Weges gegangen. Die Lohnnebenkosten, die Straubhaar als "Strafsteuer auf Arbeit" bezeichnete, müssten deutlich gesenkt werden, damit die Bereitschaft der Unternehmen, mehr Arbeitsstellen zu schaffen, auch in die Tat umgesetzt würden. Er betonte, dass Arbeitsmarktreformen unverzichtbar seien und bezeichnete auch die unter Hartz IV zusammengefassten Regelungen als notwendig. (APA/Reuters)

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    bild: audacity productions
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