Befleckt nicht unser Tor!

6. Juli 2004, 07:00
14 Postings

Frauen als Beobachterinnen der Männlichkeit im Ringen um den Ball - Anmerkungen zu Ansichten eines Sportsoziologen

Warum Frauen große Fußballturniere mitverfolgen? Der Spieler wegen, "ihrer Jungs" wegen, die sich für sie in den Nationen-Kampf stürzen, ihre Männlichkeit besser ausspielen suchen als die gegnerische Mannschaft. Frauen sind Betrachterinnen, die sich nicht um das Spiel an sich kümmern, Männer Zuschauer, die sich mit den Spielern identifizieren, welche ihrerstatt am Platz agieren. Frauen bangen quasi um ihre Reinheit, wird ins Tor "ihrer" Mannschaft getroffen, ist ihre Ehre und die des Teams befleckt. Was zu verhindern ist. Das sind en gros die in einem Artikel dargebrachten Anssichten eines Sportsoziolgen und Philosophen der Freien Uni Berlin, die dieser jüngst in der "ZEIT" veröffentlichte. Er ist eine Koryphäe. Eine merkbefreite.

Seine Thesen belegt Gunter Gebauer elegisch wie folgend: "In der Mythologie des Tores wird die Metapher des Hauses der Familie entwickelt, das die Männer zu hüten haben. Ihre Aufgabe ist der Schutz des Ortes, an dem sich – zumindest in der Tradition – die weiblichen Mitglieder der Familie aufhalten. Dies gibt dem Wunsch der Frauen, sie mögen durch die Nationalspieler würdig vertreten werden, einen tieferen Sinn." Dass Frauen die eigenen Landsmänner unterstützen, begründet sich laut Gebauer im Vertrautsein, stellen sie doch potenzielle Ehepartner dar.

Diese "speziell weibliche", wie Gebauer schreibt, Perspektive auf ein Fußballturnier vernimmt sich speziell altbacken. Frauen als Gruppe das Interesse, unterschwellig auch die Fähigkeit zum Interesse, abzusprechen, sich über eine Hahnenkampf-Perspektive hinaus mit einem Ballspiel zu beschäftigen, ist ein präpotentes Stück einer mit "mythologischer Dimension" gekitteter Mauer, die Gebauer den Blick auf ein offenes Feld dahinter wohl versperrt.

Wenn Fußball als "symbolische Befleckung" betrachtet wird, die es zu abzuwehren gilt, welche Erklärungen hat eine/r dann für die bloße Existenz des Frauenfußballs? Nun, für Gebauer ist der praktischerweise keine nennenswerte Kategorie. Denn Frauen sehen lieber den Männern zu, Männer sowieso. Eine Bastion der Männlichkeit, in die Frauen als genannte Beobachterinnen ruhigen Gewissens eindringen dürfen, ist ihnen in Gebauers Theorie doch schon der richtige Platz zugewiesen. Auf der Tribüne.

Dass der Seitenwechsel aber nicht wegzuschreiben ist, liest sich in der "ZEIT" löblicherweise ebenfalls: Die WM-Siegerinnen letzten Jahres kommentierten die EM-Spiele. (red)

06.07.2004

Link
DIE ZEIT
  • Bild nicht mehr verfügbar
    Wer spielt seine Männlichkeit besser aus - das interessiert Frauen am Fußball also?
Share if you care.