"Explodierende Verlustprojekte"

15. Juli 2004, 17:37
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Die Klage gegen die Ex-Libro-Vorstände André Rettberg und Johann Knöbl zeigt erstaunliche Facetten einer Pleite

Wien - Die Schadenersatzklage des Masseverwalters der Libro AG, Günther Viehböck, gegen die Ex-Libro-Vorstände André Rettberg und Johann Knöbl auf 5,4 Mio. Euro zeichnet das detailreiche Bild eines Unternehmens auf dem Weg in den finanziellen Abgrund.

Sie beschreibt die Entwicklung von 1997 (Investoren um Rettberg, Knöbl und die von Kurt Stiassny geführte UIAG kaufen Libro von Karl Wlaschek) bis Juni 2001. Damals ging Libro in den Ausgleich, ein Jahr später in Konkurs.

Schneller Absturz

Schon kurz nach dem Börsengang im Herbst 1999 schlingerte das Unternehmen aus Sicht des Klägers. "Im Frühjahr 2000 befand sich Libro in einer Krise, die für die Beklagten teils mangels Management-Informationssystems nicht erkennbar war, teils von ihnen bewusst ignoriert wurde."

Die "explodierenden Verlustprojekte" Libromania (Filialausweitung in Österreich) plus gescheiterte Expansion nach Deutschland und Einstieg ins Internet (lion.cc) hätten 2000 einen "dramatischen Mittelabfluss von grob 150 Mio. Euro" beschert.

Begonnen habe das Unheil schon mit der Sonderdividende von 440 Mio. Schilling, die Libro im Rahmen des Buyouts an die Altaktionäre Rettberg und Co. ausgeschüttet hat. Verknappt dargestellt haben diese den Libro-Kauf (zum Teil) mit der Libro-Dividende finanziert.

"Finanzielle Aushöhlung"

Dies habe zur "finanziellen Aushöhlung des Unternehmens" beigetragen. Denn: "Sie war zur Gänze kreditfinanziert, durch sie sank die Eigenkapitalquote von 28 auf unter acht Prozent. Dieser Mittelabfluss war mittelfristig nicht verkraftbar", so die Mödlinger Kanzlei Schatz & Partner, die den Masseverwalter vertritt. Rettberg-Anwalt Elmar Kresbach dazu: "Das sind Vorgänge, die bei Firmenübernahmen völlig üblich sind."

Schritt zwei auf dem Weg in die Finanzhölle war Libro Deutschland. 1999 betrug der Unternehmenswert laut KPMG 140 bis 160 Mio. Schilling. Laut Masseverwalter "eine krasse Fehlbewertung, als Resultat der unrealistischen Plandaten der Beklagten". Tatsächlich sei Libro Deutschland damals "null Schilling" wert gewesen.

Den Boden verloren

Denn Libro Deutschland habe damals "lediglich drei verlustträchtige Filialen betrieben, wobei nur eine (!) fortgeführt werden sollte. Außerdem sei "der Bewertung ein (zukünftiges) Filialnetz von 54 Gewinn bringenden Standorten zugrunde gelegt worden - über die es großteils noch nicht einmal Gespräche zum Erwerb gab."

Zudem hätte Libro mit dem deutschen "Großflächenkonzept noch keinerlei Erfahrungswerte" gehabt, die Beklagten seien aber trotzdem "zu 100 Prozent vom Eintritt ihrer Prognose" ausgegangen. "Erstaunlich", meint der Kläger, sollten doch Filialen in Deutschland 1500 Quadratmeter groß sein; in Österreich maßen sie im Schnitt 380 Quadratmeter.

Recht optimistisch seien auch die Planungsrechnungen für die Umsatzsteigerung von Libro Deutschland gewesen. 2004/05 sollte ein Umsatz von 3,7 Mrd. erreicht sein, in Österreich erwirtschaftete Libro damals, Ende der Neunziger, 4,2 Mrd. Schilling; "nach 20 Jahren Aufbauarbeit", wie der Kläger trocken anmerkt.

Im Nachhinein immer klüger

Im Nachhinein sei man immer klüger, meint der Anwalt des mit internationalem Haftbefehl gesuchten Rettberg sinngemäß. Er möchte, "dass man die Causa Libro aus der Sicht des damaligen wirtschaftlichen Umfelds betrachtet"

Denn: "Damals waren die Entscheidungen Rettbergs vertretbar, er stützte sich auf Prognosen und Know-how von Experten. Erst heute wissen wir, dass das nicht so gescheit war." Und, so seine Sicht: "Das waren keine Pflichtwidrigkeiten von Rettberg, höchstens unglückliche Geschäftsentscheidungen." (Renate Graber/DER STANDARD Printausgabe, 06.07.2004)

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