Fetzenlaberl in Blau mit Sternen

5. Juli 2004, 19:50
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Was Europa sein könnte, wenn es wollte: Die Fußball-EM hat's gezeigt - ein Kommentar von Josef Kirchengast

Warum galt diese Fußball-EM schon vor ihrem sensationellen Abschluss als die bisher beste? Weil die sympathischen Portugiesen prächtige Stadien gebaut hatten und eine (vielleicht wider Erwarten) gute Organisation hinlegten? Weil die großen Nationen und Favoriten der Reihe nach ausschieden? Weil, von wenigen Ausnahmen abgesehen, nicht nationalistische Töne vorherrschten, sondern die Atmosphäre eines freundschaftlichen Kräftemessens?

Könnte es nicht auch sein, dass sich in dieser "Euro 2004" stärker als bisher und vor allem mangels anderer Ausdrucksmöglichkeiten Wünsche nach europäischer Identitätsfindung, nach einem europäischen Wir-Gefühl manifestierten? Wünsche, die mit dem Ausgang des Finales auf unerwartete und umso reizvollere Weise erfüllt wurden?

Es liegt so viel Symbolik im Verlauf dieser EM und ihren Begleitumständen, dass man nicht weiß, wo man anfangen soll. Beginnen wir mit dem Ende: Ein nicht mehr ganz taufrischer deutscher Trainer macht eine bis dahin notorisch konfuse griechische Mannschaft mit einem angeblich veralteten Konzept zum Sieger. Griechenland liegt im Taumel. Von einem "nationalen" Taumel wird man angesichts des Vaters des Erfolgs kaum sprechen können.

Otto Rehhagel erklärt sein Erfolgsgeheimnis knapp und schlüssig: "Früher hat jeder gemacht, was er will. Jetzt macht jeder, was er kann." Würde sich das nicht auch als Anleitung zur Arbeitsteilung zwischen den Ländern der erweiterten Europäischen Union eignen?

Apropos Arbeitsteilung: Die EM ist ein Wettbewerb zwischen Nationalstaaten. Und nach außen hin schien es, als stehe das Nationale mehr denn je im Vordergrund: Optisch wie akustisch bestens organisierte Fanlager dominierten die Bilder. Wenn aber nach Matchende Spieler der Siegermannschaft Kollegen vom unterlegenen Team umarmten und trösteten - weil sie gemeinsam bei einem Klub engagiert sind -, dann wurde das nationale Prinzip auf sympathische Weise ad absurdum geführt. Und es wurde daran erinnert, dass das annähernd gleiche Niveau aller EM-Teams auch eine Folge des europäischen Vereinsfußballs ist, wo das nationale Element eine höchst untergeordnete Rolle spielt.

Auch das nationale Make-up Zehntausender männlicher und weiblicher Fans vermittelte eher den Eindruck eines heiteren Maskenballs. Wer sich die Landesflagge aufs Gesicht malt, zeigt damit auch, dass er solche Symbole nicht todernst nimmt. Andersherum interpretiert: Hinter der optischen Überbetonung der nationalen Zugehörigkeit könnte sich, bewusst oder unbewusst, die Einsicht verbergen, dass das Prinzip des Nationalstaates in der Wirklichkeit des vereinigten Europa und der Globalisierung ein Anachronismus ist.

Aber Wirklichkeit ist auch das, was die Menschen dafür halten. Und dabei spielen Gefühle die entscheidende Rolle. Und Gefühle leben von Bildern und Symbolen. Die beherrschenden Symbole der EM waren neben den nationalen Farben die Logos der Sponsoren. Zu den Hauptsponsoren zählte eine US-Fastfoodkette. Sie finanzierte die Teilnahme jener Mädchen und Buben (unter anderem aus Österreich), die die Spieler aufs Feld begleiteten. Eine treffende Symbolik, zynisch gesprochen: Eine der Ikonen weltumspannender amerikanischer Einheitskultur nimmt sich der Jugend eines Europa an, dessen Stärke angeblich in der Vielfalt liegt.

Fußball als europäisches Fest, als Fest der überwiegend positiven Emotionen: Das wäre die Gelegenheit für die Europäische Union gewesen, im buchstäblichen Sinn Flagge zu zeigen und ihr emotionales Defizit abzubauen. Beispielsweise durch gesponserte Jugendaktionen wie die erwähnte. Allein, die zwölf Sterne auf blauem Grund waren nirgendwo auf den Bildschirmen zu sehen.

Es muss ja nicht gleich der offizielle EM-Ball sein, der das EU-Emblem trägt. Da drängt sich als stimmigeres Bild schon eher ein Fetzenlaberl in Blau mit Sternen auf. (Josef Kirchengast - DER STANDARD PRINTAUSGABE 6.7. 2004)

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