Höchster Preis für Mittelalterforscher: Walter Pohl erhält Wittgensteinpreis

11. Juli 2004, 21:04
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1,5 Millionen Euro für Identitätsforschung

Wien - Chancen hat sich Walter Pohl schon ausgerechnet, einmal den bedeutendsten Forschungspreis Österreichs zu bekommen. Wenn es dann aber so weit ist - und Mittelalterforscher Pohl wurde nun der Ludwig-Wittgenstein-Preis 2004 zuerkannt - "überrascht es einen doch".

Pohl war bereits im Vorjahr Anwärter auf den mit 1,5 Millionen Euro dotierten und in mehreren Tranchen ausbezahlten Preis. Zum Zug kam aber die Biochemikerin Renée Schröder vom Wiener Institut für Mikrobiologie und Genetik. Heuer gab es 15 Nominierungen für den Wittgensteinpreis, der seit 1996 vom Wissenschaftsministerium und dem Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF) jährlich vergeben wird. Das gaben Ministerin Elisabeth Gehrer (ÖVP) und Georg Wick, Präsident des FWF, am Montag bekannt.

Wie entstehen Völker?

Diese Frage ist die zentrale in der Forschung Pohls. Ethnische Identitäten seien keine Frage des Blutes, sondern das Ergebnis historischer Prozesse, lautet die Ausgangsthese. Mittelalterexperte Pohl macht sich auf die Suche nach den Ursprüngen von Völkern und deren Identifikation, und er fragt sich, wie ethnische Identitäten insgesamt so wichtig für die politische Landschaft Europas werden konnten - anders als in anderen Kulturen, wie beispielsweise in der islamischen Welt.

Der 1953 in Wien geborene Direktor des Instituts für Mittelalterforschung an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), "muss jetzt erst überlegen, was man mit dem Preisgeld alles machen kann". Fix ist: Er will damit an seinem Institut eine neue Forschergruppe zusammenstellen, sich dazu im In- und Ausland nach den besten Köpfen umsehen und sowohl "Senior Fellows" als auch "Juniors" eine Chance geben. Der inhaltliche Schwerpunkt künftiger Forschungsprojekte, die mit dem Preisgeld finanziert werden sollen, liege nicht zuletzt an der Auswahl dieser Leute, meint Pohl.

Die "Wiener Schule" der Mittelalterforschung wurde von Walter Pohl geprägt. Für seine Arbeit wurde er erst vor wenigen Wochen als "wirkliches Mitglied" an die ÖAW berufen - DER STANDARD berichtete. Pohl hat Werke über die Geschichte des frühen Mittelalters verfasst, die zu Standardwerken wurden: "Die Awaren. Ein Steppenvolk in Mitteleuropa" (Habilitation 1989 und in Kürze auf Englisch), "Die Germanen. Enzyklopädie der deutschen Geschichte" und "Die Völkerwanderung. Eroberung und Integration". Aktuelles Projekt: die Geschichte der Langobarden.

START-Preise

Bei den gleichzeitig mit dem Wittgensteinpreis verliehenen START-Preisen, die fünf "Nachwuchsforschern der Spitzenklasse" (FWF) verliehen werden, gab es 34 Einreichungen. Fünf Männer wurden mit Preisgeldern zwischen 200.000 Euro und 1,2 Millionen Euro belohnt.

Thomas Bachner startet nun an der Wirtschaftsuniversität Wien sein Forschungsprojekt "Rechtsevolution und EU-Harmonisierung des Gesellschaftsrechts", der Mathematiker Michael Kunzinger stellt eine Arbeitsgruppe zur "nichtlinearen distributionellen Geometrie" zusammen, Vassil Palankovski, Mikroelektronik, beschäftigt sich mit "Simulation von Halbleiterbauelementen", Chemiker Thomas Prohaska widmet sich der "hochpräzisen Isotopenanalytik", und Physiker Gerhard J. Schütz arbeitet an der "Immunologie unter dem Nanoskop". (Andrea Waldbrunner/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6. 7. 2004)

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    Walter Pohl

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