Und jetzt muss alle Welt Griechisch lernen

5. Juli 2004, 19:19
50 Postings

Vor langer, langer Zeit, im Jahr 2004, ganz genau am 4. Juli, da vollbrachten elf griechische Heroen mit Anführer Rehhakles in der portugiesischen Stadt Lissabon eine unglaubliche Tat

Sie trugen die Namen Nikopolidis, Dellas, Kapsis, Seitaridis, Katsouranis, Fyssas, Basinas, Zagorakis, Giannakopoulos, Charisteas und Vryzas. Anders als märchenhaft oder mythologisch kann man sich dem Gewinn der Fußball-EM durch die griechische Nationalmannschaft nicht annähern. In ein ähnliches Reich verweisen die Titel in der Presse: "Griechischer Traum", "Goldener Traum", "Pokal der Träume". Die insgesamt 22 Hypnotiseure mit ihrem Trainer Otto Rehhagel wurden am Montagabend im alten Olympiastadion Panathinaikon von Tausenden tatsächlich wie Helden empfangen.

Mit ihnen feierte die ganze Welt. Denn in Hellas selbst leben nur elf Millionen dieser Spezies, mehr als fünf Millionen sind in alle Ecken der Welt verstreut; man findet sie in mehr als 100 Staaten. Und überall wurde gefeiert. Schlusspfiff. Umarmen, Schreie, Hupen, Gesang und Tanz, Kirchenglocken und die Slogan-Hits der vergangenen 20 Tage: "Ellás! Ellás! Ellás!" und "Eìnai trelos, eìnai trelos, eìnai trelos o Germanòs!" ("Er ist verrückt, er ist verrückt, er ist verrückt der Deutsche!").

Griechisches Jahr

Doch am erstaunlich gelassenen Verhalten der Zuschauer vor den Fernsehschirmen in den Cafeterias während des Matches mit Portugal konnte man spüren, dass sie es wussten: Heute ist der Tag für Griechenland. Schon jetzt spricht man vom griechischen Jahr: Das begann beim Eurovision Song Contest am 15. Mai. Sakis Rouvas musste sich nur der ukrainischen Ruslana geschlagen geben. Auf seinem weißen T-Shirt hatte Rouvas die griechische Nationalflagge abgebildet. Nachdem der Liebling der Teens das Beispiel gegeben hatte, machte es ihm die junge weibliche Bevölkerung nach. Damals hätte man schon ahnen müssen, dass die Farben Blau-Weiß noch zu Ehren kommen würden.

"Seit dem Abzug der Deutschen am 12. Oktober 1944 habe ich noch nie so viele griechische Fahnen gesehen", sagte ein älterer Herr. Den Profiteuren des EM-Titels zurechnen kann sich auch Ministerpräsident Kostas Karamanlis. Hätte Griechenland verloren, wäre sein Besuch beim Team in Lissabon sicherlich im Nachhinein negativ ausgelegt worden. Ein kurzes Tête-à-Tête hatte Karamanlis vor dem Finale mit José Manuel Durao Barroso. Ihn ließ er wissen: "Portugal kann nicht alles haben. Es erhielt bereits den Kommissionspräsidenten. Sie verstehen, was ich meine."

Vorbild für Politik und Wirtschaft

Griechische Politiker und Wirtschaftsleute müssen sich jetzt ohnehin am runden Leder orientieren. Die fußballerischen Erfolge sind bereits in die Zeitungssprache eingedrungen: Arbeiten wie die Nationalmannschaft, heißt es da, oder nach Rehhagel-Rezept Reformen durchziehen. Mit Methodik also, Disziplin, Ausdauer und im Kollektiv. Der Essener schmeichelte in Lissabon seinen Schützlingen mit dem bedeutungsschweren Satz: "Heute habt ihr Geschichte geschrieben."

"Meine These aber ist es, dass wir die Dynamik besitzen, therapeutische Praktiken als eine Prophylaxe gegen das Chaos und die Katastrophe zu programmieren." Dieser Satz stammt aus einer Rede des griechischen Wirtschaftsprofessors und Expremiers Xenophon Zolotas (1904-2004). Er hielt sie 1957 auf Englisch und verwendete dabei ausschließlich griechischstämmige Substantive, Adjektive und Verben, um die Unsterblichkeit seiner Muttersprache unter Beweis zu stellen. Nach dem Fast-Sieg von Sakis Rouvas, nach dem EM-Triumph und angesichts der Olympischen Spiele muss alle Welt Griechisch lernen. (Robert Stadler aus Athen - DER STANDARD PRINTAUSGABE 6.7. 2004)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Ganz Griechenland auf den Straßen und Plätzen

Share if you care.