Freiheit als Bereicherung

9. Juli 2004, 21:15
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Der Cellist und künstlerische Leiter der Eggenberger Schlosskonzerte, Friedrich Kleinhapl, tourt als gefragter Solist von Kanada bis China

Was Titan bei Obertönen eines Cellos bewirkt, entdeckte Kleinhapl bei Experimenten daheim.

Graz – Friedrich Kleinhapl glaubt nicht an Zufälle. Sein Leben, seine Karriere als Cellist und seine Forschungen mit einer Titanlegierung, mit der er gerade die Welt des Geigenbaus auf den Kopf stellt, haben ihn eines Besseren belehrt. Immer wieder hieß es, neu anfangen, umlernen und umdenken. Sehr oft spielte genau jener Faktor, der landläufig als Zufall bezeichnet wird, an entscheidenden Wegkreuzungen eine Schlüsselrolle.

"Ich war ein unglaublich konservatives Kind. Das ging so weit, dass ich es abgelehnt habe, moderne Stücke zu spielen, ich hab' sie einfach ausgelassen", erzählt der Musiker im STANDARD-Gespräch. Das hat sich geändert. Heute ist Kleinhapl dafür bekannt, dass gerade das Zeitübergreifende ihn reizt. Bei seinem Konzert im Rahmen der styriarte am kommenden Sonntag in Graz wird er Suiten von Bach und Britten ebenso zum Besten geben – wie auch das Cellokonzert Timeless des Jazzkomponisten Peter Herbert mit dem Ensemble Plus.

Auch bei der Programmierung der Eggenberger Schlosskonzerte, deren Leiter er seit dem Vorjahr ist, war es für Kleinhapl von Anfang an "das Erstrebenswerteste, aus jeder Epoche das Wesentliche herauszuholen". Diese Öffnung für Neues, Unkonventionelles und schließlich auch zur zeitgenössischen Musik wurde im Leben des Musikers durch eine schwere Erkrankung vor rund zwölf Jahren ausgelöst.

Damals ließ sich Kleinhapl – gegen die Empfehlungen der Schulmediziner – von einem Homöopathen behandeln. "Er hat mir das Leben gerettet. Mein Weltbild wurde damals über den Haufen geschmissen. Ich fragte mich plötzlich Dinge wie: ,Was ist Realität?'."

Dabei wolle er bestimmt niemanden missionieren, betont Kleinhapl: "Aber für mich wäre es schade, etwas nicht auszuprobieren. Ich empfinde es als Bereicherung, sich die Freiheit zu geben, Dinge aus einem anderen Blickwinkel neu zu entdecken."

Entdeckt hat der Musiker, der von seinem Vater, einem Techniker, wohl auch den Hang zum Experimentieren geerbt hat, "eigentlich zufällig" eine Titanlegierung. In verschiedenen Teilen des Cellos eingebaut, verheißt sie wahre akustische Wunder. Das Instrument verstimmt sich nicht mehr so leicht, weniger Schwingungsenergie wird absorbiert, und der Obertonreichtum erhöht sich beträchtlich.

Mit "seinem" Geigenbauer Peter Mörth aus Laßnitzhöhe bei Graz testete der Künstler die Legierung in Wirbeln, Stegen, Saitenhaltern, der Henkelsaite, den Endkugeln und im Stachel. Und meldete etwa 30 Patente an. Die Grazer Firma Anton Paar kaufte sie und produziert nun für den Weltmarkt. Das Instrument, das Kleinhapl spielt, ein 323 Jahre altes Cello von Giovanni Tononi aus Bologna, wurde auch mit dem neuen Material ausgestattet. Natürlich mit Erlaubnis der Oesterreichischen Nationalbank, aus deren Besitz es stammt.

Übervater Stradivari

Kleinhapl wirkt keineswegs unbescheiden, wenn er sagt: "Ich habe den Eindruck, das ist nach der Einführung der Stahlsaite die größte Revolution am Geigenbauersektor." Wobei gerade die Geigenbauer "wahnsinnig konservativ" sind, wie der ewig Forschende, der allein seine Spieltechnik dreimal änderte und so – auch während des Studiums in Paris – immer wieder ganz von vorne begann, seufzend feststellt.
"Wahrscheinlich", so vermutet Kleinhapl, "leiden die Geigenbauer an ihrem Übervater Stradivari. Sie sind der Meinung, es sei alles ausgeschöpft, und nichts kann mehr verbessert werden. Ihre ganze Energie fließt in den Versuch, die Vergangenheit perfekt zu kopieren. Das ist natürlich ein Unsinn."

Zudem sei die ewige Geheimniskrämerei der Zunft kontraproduktiv: "Viele Geigenbauer haben ihr Lackrezept mit ins Grab genommen. Was hat ein Mensch davon?" (DER STANDARD, Printausgabe, 6.7.2004)

Von
Colette M. Schmidt
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