Eine Spinne mit Ladehemmung

14. Juli 2004, 16:26
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Auch "Spider-Man 2" bleibt ein Superheld mit sympathisch menschlichen Defekten

Regisseur Sam Raimi konfrontiert den Spinnen- menschen mit einem tentakel- bewehrten Bösewicht und vielen Selbstzweifeln.


Wien - Die Berufung zum Superhelden kam wie die Pubertät über ihn. Sie brachte Peter Parker (Tobey Maguire) überraschende Erkenntnisse über die Möglichkeiten seines Körpers. Und so kletterte er sich im hautengen Spinnenkostüm zwar zum Helden der Stadt, bezahlte dafür jedoch mit dem Preis einer permanenten Identitätskrise. Zu Spider-Man sahen alle immer auf, aber Peter musste von seiner Liebe zu Mary Jane (Kirsten Dunst) absehen - den Vater seines besten Freundes, Harry (James Franco), sogar töten.

"Spider-Man 2", wie schon Teil eins inszeniert von Sam Raimi, hätte ob dieser Voraussetzungen das Comicdrama eines gebrochenen Heroen werden können. Doch schon der Beginn zeigt, dass hier erneut das allzu Menschliche gegenüber dem allzu Fantastischen überwiegt. Spider-Man - ein etwas willkürlicher Kämpfer gegen Kriminalität - ist im richtigen Leben ein Durchschnittstyp geblieben: Peter verdingt sich als Pizzabote, vernachlässigt sein Studium, zahlt seine Miete nicht. Und die Straßen sind voller Werbeplakate mit dem Gesicht von Mary Jane . . .

Genau dieser Bodenhaftung verdankt "Spider-Man" seinen Reiz. Wo andere Blockbuster mit computergenerierten Spezialeffekten und Design sich gleichermaßen vom "Realismus" verabschieden wie ihre Figuren zu überzüchteten Pauschalabenteurern stilisieren ("Van Helsing"), hat dieser Held mit seiner Gabe im Kopf zu kämpfen: ein psychologischer Makel, den Raimi allemal über spektakuläre Schauwerte bevorzugt und auch humoristisch betont.

Ständiger Aufschub

"Spider-Man 2" ist so vor allem die Erzählung eines unmotivierten Superhelden. In seiner Unfähigkeit, Entscheidungen zu treffen, standhaft zu bleiben oder doch auf Aufschub zu setzen, gleicht er ein wenig einer Figur Arthur Schnitzlers. Seine Unsicherheit äußert sich im Versiegen seiner Kräfte. Die Spinnenseile haben Ladehemmung - das lässt sich durchaus auch metaphorisch verstehen -, er stürzt von Fassaden, ja, Spider-Man nimmt in einer der komischsten Szenen in voller Montur den Lift.

Diese Selbstbezüglichkeit, die sich wohl auch dem Mitwirken des comicversierten US-Schriftstellers Michael Chabon ("Die unglaublichen Abenteuer von Cavalier & Clay") an der Story verdankt, birgt jedoch auch ein dramaturgisches Problem, das mit dem Auftauchen des Antagonisten Doc Ock (Alfred Molina) akut wird: Ein dramatischerer Gegner als im ersten Teil, muss dieser mit einem Zweikampf in Etappen vorlieb nehmen, was die Dynamik des Geschehens merklich hemmt.

Dabei wirkt der Mad Scientist, der nach einem Selbstversuch von seinen am Rückgrat montierten Tentakeln kontrolliert wird, wie ein desperates Gegenbild zum Spinnenmensch: Bei ihm bemächtigt sich die Technologie des Willens, worauf der daran festgehakte Mann wie ein eisernes Insekt die Ordnung der Stadt auf den Kopf stellt - während Spider-Man just zu diesem Zeitpunkt sein Kostüm an den Nagel hängt und zu "Raindrops keep falling on my head" den Unzulänglichkeiten des Menschseins den Vorzug gibt.

Raimi dagegen setzt auf Storytelling - was den Film, zumal einen dieser budgetären Größenordnung, wiederum reicher an Szenen macht, die den schärferen Konturen der Figuren gelten. Etwa wenn Mary Jane mit einem aus dem ersten Teil entlehnten Kuss herauszufinden sucht, ob ihr Verlobter überhaupt der Richtige ist, oder J. K. Simmons Daily Bugle-Chefredakteur seinen herrlichen "Yellow-Paper"-Phrasenschatz bemüht.

Zerreißprobe

Selbst die optimierten Actionszenen, die folgen, als die Bedrohung durch Doc Ock für Peter auch zu einer persönlichen wird, vermag Raimi in erzählerische Zusammenhänge zu stellen. Wenn Spider-Man in der spektakulärsten davon versucht, einen ins Nichts rasenden U-Bahnzug mit einer Unzahl an Netzen zu bremsen, dann reißt er im bildlichen Sinne beinahe entzwei - und gibt darüber passenderweise auch seine Identität preis.

Es sind solche integrativen Qualitäten, die auch "Spider-Man 2" - trotz kleinerer Holprigkeiten - zu einem der unterhaltsamsten Hollywood-Comics werden lassen, weil hier eine popkulturelle Welt noch mit einer liebevollen Detailfreude ausgestattet wird. Raimi, wie Peter Jackson ein Regisseur, der mit Splatterfilmen ("The Evil Dead") begonnen hat, variiert die Grundkonflikte eines Superhelden, der seine Moral erst festlegen muss und Ansporn braucht: "Go get him, Tiger", ruft ihm Mary Jane am Ende zu. (DER STANDARD, Printausgabe, 6.7.2004)

Von
Dominik Kamalzadeh

Ab Freitag im Kino
  • Mit Spinnengarn gegen eiserne Greifarme: Spider-Man (Tobey Maguire) und sein Antagonist, der Mad Scientist Doc Ock (Alfred Molina).
    foto: columbia

    Mit Spinnengarn gegen eiserne Greifarme: Spider-Man (Tobey Maguire) und sein Antagonist, der Mad Scientist Doc Ock (Alfred Molina).

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