Sonic Boom in der Ruhe nach dem Unterwassersturm

19. Juli 2004, 22:29
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Zwei sehr unterschiedliche Arbeiten des belgischen Starchoreografen Wim Vandekeybus markieren den Beginn des diesjährigen Festivals ImPulsTanz

ImPulsTanz wird Wien ab dem 8. Juli einen Monat lang mit hervorragenden internationalen und österreichischen Choreografien versorgt.


Ein Radiomoderator, der durch die Nacht führt. Schlaflose Gestalten, die sich an einem Pier einfinden. Ein älterer Schauspieler, der - über und über mit Mehl bestäubt - auf dem Boden liegt.

Es ist eine vor Spannung vibrierende Atmosphäre, die Wim Vandekeybus in Sonic Boom erzeugt, von bedrückender Intensität und hypnotisierender Farbenvielfalt. Als hätten David Lynch und Marguerite Duras zusammen ein Stück inszeniert.

Nach der Explosivität von Blush, dem Tanzstück, mit dem der belgische Choreograf im Vorjahr bereits bei ImPulsTanz zu Gast war (und das auch heuer wieder gezeigt wird), ist Sonic Boom eine beinahe kontemplative Arbeit. "Wie die Ruhe nach dem Sturm, den ich in Blush entfesselt habe", sagt Vandekeybus selbst. Wie die Ruhe nach dem Knall beim Durchbrechen der Schallmauer, könnte man hinzufügen.

Sonic Boom bezeichnet genau diesen Moment - auch wenn im Stück selbst die Radiostation, deren Nachtprogramm im Hintergrund abläuft, diesen Namen trägt. Das Überschreiten von Grenzen interessiert Vandekeybus, der unter den hervorragenden belgischen Choreografen sicherlich der impulsivste ist, auch diesmal wieder: "Ich möchte den Menschen den Glauben an ihre eigene Sicherheit nehmen", hatte er in den Anfangsjahren seiner Laufbahn gesagt. Daran hat sich auch heute, beinahe 20 Jahre, nachdem er damals als blutjunger, 22-jähriger Künstler seine eigene Kompanie Ultima Vez gründete und mit seinen wirbelnden, waghalsigen Sturz- und Sprungfiguren sofort Erfolg hatte, nichts geändert.

Die Figur des "Nachtfalken" in Sonic Boom ist ein beinahe sadomasochistischer Spielemacher. Er ist der Regisseur eines Kinderspiels, das Menschen gegen Menschen hetzt.

Die Macht des Theaters

"Ich will das Radio als Machtmedium zeigen", erklärt Vandekeybus. "Auch wenn sich das eigenartig anhört. Radio ist heute ja kein wirklich wichtiges Medium mehr." Im Stück steht es auch eher für all jene hierarchischen Strukturen, die die Wirklichkeit lenken und manipulieren. Dazu zählt der Jan-Fabre-Schüler auch das Theater. Für Sonic Boom, eine Produktion mit der Amsterdamer Toneelgroup, wählte Vandekeybus neben Mitgliedern seiner eigenen Gruppe auch drei ältere Schauspieler aus.

Er versucht, das auf Jugend getrimmte Tanzsystem zu unterlaufen und unternimmt Ausflüge in andere Genres. Neben der Fotografie hat es dem Choreografen vor allem der Film angetan. Gerade ist er von einem zweiwöchigen Dreh auf Korsika zurückgekehrt, wo er eine Filmfassung von Blush fertigte (Premiere im Jänner 2005 im Centre Pompidou, Paris). 2006 wird er einen eigenen Spielfilm drehen. Filmsequenzen spielen auch in vielen seiner Tanzproduktionen eine wichtige Rolle. Bei In Spite of Wishing and Wanting etwa, mit dem Vandekeybus vor fünf Jahren in Wien gastierte, baute er die Verfilmung zweier surrealistischer Kurzgeschichten in das Geschehen ein. Bei Blush geht die Verquickung der beiden Elemente noch weiter: Die Tänzer springen regelrecht in die Leinwand und verwandeln sich auf dieser in amorphe Unterwasserwesen. Dieser technisch ausgefeilte Wechsel der Aggregatzustände unterstreicht, worum es Vandekeybus geht: "Bei meinen Lektüren ende ich immer wieder bei den Metamorphosen von Ovid", sagte er einmal. "Das Buch handelt von der Zerbrechlichkeit des Menschen, dem Krieg in seinem Inneren."

Einen kongenialen Partner auf den Spuren menschlicher Verwandlungen hat Vandekeybus in David Eugene Edwards gefunden, Sänger und Songwriter von 16 Horsepower, der auch für Sonic Boom wieder einige Songs beisteuert. Vandekeybus' eklektische Tanzsprache bekam durch seine Songs einen Rahmen, genauso wie durch die Mitarbeit des Schriftstellers Peter Verhelst, der das Textmaterial von Blush strukturierte.

Anders als in diesem energiegeladenen Vorgängerstück, das auf Filmen wie The Deer Hunter basiert, ist die Textgrundlage hier persönlich gefärbt. Die Story zusammenzustellen, bleibt dem Publikum überlassen. Vandekeybus gibt die Fährten vor. Gut, dass er darin einer der Besten ist. (DER STANDARD, Printausgabe, 6.7.2004)

Von
Stephan Hilpold

quot;Blush"
im Volkstheater
am 15. und am 17. 7., 21 Uhr

"Sonic Boom"
im Akademietheater
am 18. 7., 21 Uhr
  • In einer "radioaktiven" Welt der bösen Spiele wandelt sich bei Wim Vandekeybus das menschliche Tun in einen "Sonic Boom".
    foto: van der burght

    In einer "radioaktiven" Welt der bösen Spiele wandelt sich bei Wim Vandekeybus das menschliche Tun in einen "Sonic Boom".

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