"Infotainment"-TV nicht verteufeln

13. Juli 2004, 13:59
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Medienwissenschafter: "Die Art und Weise, wie etwas präsentiert wird, entscheidet, ob es überhaupt einen Effekt hat"

Angesichts steigender Beliebtheit von Nachrichten im "Infotainment"-Stil hat der Medienwissenschafter Norbert Bolz vor einer Verteufelung solcher TV-Formate gewarnt. "Die Menschen sind heute nur noch bereit, sich über die Welt zu informieren, wenn diese Informationen im Unterhaltungsformat auftreten", sagte Bolz am Montag bei einer Podiumsdiskussion des deutschen Privatsenders RTL II in Köln. Das Verlangen nach Unterhaltung gebe es in der gesamten Bevölkerung und sei auch an deutschen Universitäten zu beobachten, sagte Bolz, der an der TU Berlin Medienwissenschaften lehrt.

Die RTL-II-Nachrichten, die um 20.00 Uhr mit der "Tagesschau" konkurrieren, erzielen derzeit nach Senderangaben einen Marktanteil von 12 Prozent unter den 14- bis 29-Jährigen. In der Altersgruppe von 14 bis 49 Jahren schauen 8,4 Prozent der Zuschauer die RTL-II-News.

Schwerpunkte richtig wählen

"Die Schwerpunkte müssen so gewählt werden, dass sich die Zuschauer die Nachrichten gerne angucken", sagte RTL-Chefredakteur Hans Mahr bei der Podiumsdiskussion unter dem Thema "Wie unterhaltsam dürfen TV-Nachrichten sein?". "Für populäre Nachrichten braucht man sich nicht zu genieren", betonte Mahr. Dagegen griffen Vertreter von Printmedien die RTL-II-News an. Diese versuchten, Unterhaltung falscherweise als Information darzustellen, kritisierte Stefan Niggemeier von der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung".

"Die Frage 'Hat Britney Spears einen neuen Pickel entdeckt oder ist irgendwo ein Tier im Zoo unglücklich ausgerutscht' ist nach keiner Definition eine Nachricht oder von irgendeiner Relevanz für den Zuschauer", sagte Niggemeier. Dem widersprach der Medienwissenschaftler Bolz. Es gebe keinen nachrichtlichen Unterschied zwischen Britney Spears und Rudi Völler.

Fußball sei genau so unwichtig wie die Pop-Queen: "Aber ich interessiere mich dafür", sagte Bolz. Und damit müsse er als Zuschauer bedient werden, ebenso wie junge Menschen, die sich für Musik interessieren. Niggemeier betonte, es wäre wünschenswert, wenn sperrige Nachrichten unterhaltsam erklärt würden. Dies werde bei RTL- II aber gerade nicht praktiziert, stattdessen würden sperrige Nachrichten "ganz kurz" abgehandelt. (APA/dpa)

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