Jordaniens Muslime sehen ihren Glauben bedroht und radikalisieren sich

6. Juli 2004, 19:54
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Ex-Premier Al-Masri: "Die Gesellschaft wird im Großen und Ganzen islamistischer" - Eine Reportage

Abd as-Salam al-Fandi ist 31, verheiratet und Vater eines kleinen Töchterchens. Und er ist der Imam der Ahmad bin Taimiyah-Moschee in Badr al- Jadid, einem Dorf in den Hügeln, 13 Kilometer westlich der jordanischen Hauptstadt Amman. Erbaut wurde die Moschee 1993, und benannt ist sie nach einem 728 verstorbenen Theologen aus dem Hijaz, einer Region, die jetzt in Saudi-Arabien liegt. An Freitagen drängen sich 150 Männer in der Moschee, kaum weniger Frauen beten in einem abgetrennten Gebetsraum.

Was bedeutet Islam in dieser gemütlichen Bauerngemeinschaft? "Für die meisten Leute ist Islam Beten, Fasten, die Hadj-Pilgerfahrt, Almosen geben und so weiter", sagt der Imam. Aber auch wenn die meisten nichts mit dem explizit politischen Islam zu tun haben, so haben sie doch das Gefühl, dass ihre Religion – und damit ihre Art zu leben – bedroht ist durch einen aggressiven und habgierigen Westen. "Die Leute glauben, dass es einen Krieg gegen den Westen gibt", sagt Al-Fandi. "Es ist kein Krieg um Grenzen, aber ein Krieg, um die Existenzberechtigung des Islam sicherzustellen."

Der Islamismus ist in Jordanien mächtig und wächst weiter. "Die Gesellschaft wird im Großen und Ganzen islamistischer", sagt der ehemalige Premierminister Taher al-Masri. "Man sieht es an der Zahl der Moscheen, die neu gebaut werden, und daran, wie gut besucht sie sind. Man sieht es auch an den (liberaler eingestellten) Menschen, die jetzt auf islamische Befindlichkeiten stärker Rücksicht nehmen: Sie trinken zum Beispiel keinen Alkohol mehr in der Öffentlichkeit, wie sie es früher getan haben. Leute, die ich kenne und von denen ich das nie geglaubt hätte, gehen jetzt in die Moschee, um zu beten."

Höhepunkt erreicht

Al-Masri betont aber, dass der Islamismus als Ausdruck einer Kultur nicht mit dem offen politischen Islam verwechselt werden darf. Ersterer gewinnt an Stärke, glaubt er, während Letzterer seinen Gipfel erreicht haben dürfte. Der Stimmenanteil, den die größte jordanische islamistische Partei, die Islamische Aktionsfront, erreicht hat, veränderte sich in den Wahlen von 1989 bis 2003 kaum.

Baker al-Hiyari, Vizedirektor des Königlichen Instituts für interreligiöse Studien in Amman, bestätigt die Einschätzung von Al-Masri. "Der politische Islam hat sich stabilisiert, während der kulturelle Islam wächst", sagt er, gibt aber zu bedenken, dass dieser neue populäre, konservative Islam dennoch in hohem Maße eine Reaktion auf äußere politische Kräfte ist. "Es ist zwar gut möglich, dass jemand nicht religiös ist. Aber die Religion untermauert unser Wertesystem, und jeder negative Einfluss auf dieses Wertesystem gibt einem das Gefühl, bedroht zu werden. Die Muslime in diesem Teil der Welt fühlen sich bedroht."

Zornige Flüchtlinge

Der konservative Islam war seit den ersten Tagen von König Abdullah immer eine Stütze der jungen Monarchie. Nirgendwo in Jordanien ist die Bedrohung nun stärker zu spüren als in den palästinensischen Flüchtlingslagern, wo der Islamismus seine größten Fortschritte machte. Die Palästinenser sind seit langem der leeren Unterstützungserklärungen der arabischen Regierungen müde, aber ebenso Yassir Arafats Autonomiebehörde, die ihnen gelähmt und korrupt erscheint.

Die Stimmung im Baq'a- Camp, 30 Kilometer nördlich von Amman, ist verdrossen und zornig. Viele Palästinenser – vielleicht sogar die Mehrheit – haben sich dem fundamentalistischen Islam in dieser oder jener Ausprägung angeschlossen, inspiriert von der libanesischen Hisbollah, deren Kämpfer die israelische Besatzung aus dem Libanon vertrieben, und von Hamas und Islamischer Djihad, deren Selbstmordanschläge in Israel bejubelt werden. Awwad Youssef, ein 31-Jähriger, der hier für eine islamische Wohlfahrtseinrichtung arbeitet, überlegt nicht lange: "Alle sind sie Islamisten." (DER STANDARD, Printausgabe, 6.7.2004)

Von Alan George aus Amman
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    Soldaten feiern die Festnahme bewaffneter Islamisten nach tagelangen Kämpfen in Maan im November 2002.

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