"Ein Politiker darf nicht krank werden" - Politologe Filzmaier ortet im STANDARD-Gespräch "Fitness"-Wahn

9. Juli 2004, 16:00
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Krankheit wirkt "imageschädigend"

Solange es irgendwie geht, strahlen Politiker als pumperlgesunde, bergsteigende und joggende Dynamiker in die Kameras. Sozialminister Herbert Haupt veröffentlicht sogar regelmäßig Befunde, um erst gar keinen Zweifel an seiner Fitness aufkommen zu lassen. Dürfen Politiker nicht krank werden?

"Eigentlich nicht", sagt der Politologe Peter Filzmaier im Gespräch mit dem STANDARD: "Ein Politiker kann es sich im Grunde nicht leisten, krank zu werden. Man kann einmal kurz krank sein, aber es darf nicht zu einer Imagebildung des Krankseins kommen."

Gesundheit sei ein Wert geworden in der Politik, anders noch als vor 30 Jahren, sagt Filzmaier, als Politiker noch "Gemütlichkeit" ausstrahlen mussten. Politiker wissen, wenn sie öffentlich auftreten, sind zu 70 Prozent das Aussehen ausschlaggebend, zu 20 Prozent die nonverbale Kommunikation und nur zu zehn Prozent die politischen Inhalte.

"Wir erleben daher einen richtigen Fitnesswahn. Jeder Politiker muss sich als Jogger oder sonst was präsentieren. Das bedeutet, Krankheit ist imageschädigend. Heute wird selbst ein dicker Politiker kaum noch gewählt."

Es bestehe natürlich die Möglichkeit, Krankheit auch bewusst in eine Imagekampagne einzubauen, um den Politiker unangreifbar zu machen. Filzmaier: "Wenn aber auf dieser Ebene kampagnisiert wird, ist eine sachliche Debatte nicht mehr möglich." Ein Bild, das Krankheit signalisiert, vernichte jede inhaltliche Botschaft.

In der medialen Inszenierung sei in den letzten Jahren auch in Österreich "ein Tabu niedergerissen worden". Filzmaier: "Alles wurde Teil der Imagebildung: die Ehe, sportliche Tätigkeiten, Krankheit und Gesundheit." Bei Bundespräsident Thomas Klestil habe sowohl die zwischenmenschlich private Seite als auch der Faktor Krankheit eine zentrale Rolle in der Amtszeit gespielt. Filzmaier: "Es ist nicht so entscheidend, wie viel Macht er in seiner Kontrolle tatsächlich mittels seiner verfassungsrechtlich verankerten Kompetenz hatte, es war entscheidend, was er in der öffentlichen Wahrnehmung rübergebracht hat."

Es war keine juristische, sondern eine mediale Frage: Wer wirkt stark, jung und dynamisch? Und wer wirkt krank? Thomas Klestil hat seine zunehmende Gegenpositionierung zur Regierung und zur ÖVP öffentlich nicht rübergebracht, weil er in diesem medialen Spiel nicht zuletzt durch seine Krankheit immer der Geschwächte war." (Walter Müller/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6.7.2004)

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