Krankheit wirkt "imageschädigend"
Solange es irgendwie geht,
strahlen Politiker als pumperlgesunde, bergsteigende und
joggende Dynamiker in die Kameras. Sozialminister Herbert
Haupt veröffentlicht sogar regelmäßig Befunde, um erst gar
keinen Zweifel an seiner Fitness aufkommen zu lassen.
Dürfen Politiker nicht krank
werden?
"Eigentlich nicht", sagt der
Politologe Peter Filzmaier im
Gespräch mit dem STANDARD:
"Ein Politiker kann es sich im
Grunde nicht leisten, krank zu
werden. Man kann einmal
kurz krank sein, aber es darf
nicht zu einer Imagebildung
des Krankseins kommen."
Gesundheit sei ein Wert geworden in der Politik, anders
noch als vor 30 Jahren, sagt
Filzmaier, als Politiker noch
"Gemütlichkeit" ausstrahlen
mussten. Politiker wissen,
wenn sie öffentlich auftreten,
sind zu 70 Prozent das Aussehen ausschlaggebend, zu 20
Prozent die nonverbale Kommunikation und nur zu zehn
Prozent die politischen Inhalte.
"Wir erleben daher einen
richtigen Fitnesswahn. Jeder
Politiker muss sich als Jogger
oder sonst was präsentieren.
Das bedeutet, Krankheit ist
imageschädigend. Heute wird
selbst ein dicker Politiker
kaum noch gewählt."
Es bestehe natürlich die
Möglichkeit, Krankheit auch bewusst in eine Imagekampagne einzubauen, um den
Politiker unangreifbar zu machen. Filzmaier: "Wenn aber
auf dieser Ebene kampagnisiert wird, ist eine sachliche
Debatte nicht mehr möglich."
Ein Bild, das Krankheit signalisiert, vernichte jede inhaltliche Botschaft.
In der medialen Inszenierung sei in den letzten Jahren
auch in Österreich "ein Tabu
niedergerissen worden". Filzmaier: "Alles wurde Teil der
Imagebildung: die Ehe, sportliche Tätigkeiten, Krankheit
und Gesundheit." Bei Bundespräsident Thomas Klestil habe
sowohl die zwischenmenschlich private Seite als auch der
Faktor Krankheit eine zentrale
Rolle in der Amtszeit gespielt.
Filzmaier: "Es ist nicht so entscheidend, wie viel Macht er
in seiner Kontrolle tatsächlich
mittels seiner verfassungsrechtlich verankerten Kompetenz hatte, es war entscheidend, was er in der öffentlichen Wahrnehmung rübergebracht hat."
Es war keine juristische,
sondern eine mediale Frage:
Wer wirkt stark, jung und
dynamisch? Und wer wirkt
krank? Thomas Klestil hat seine zunehmende Gegenpositionierung zur Regierung und
zur ÖVP öffentlich nicht rübergebracht, weil er in diesem
medialen Spiel nicht zuletzt
durch seine Krankheit immer
der Geschwächte war." (Walter Müller/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6.7.2004)