EU-Experten betonen hohe Kosten des Schutzes von konventionellen Anbauflächen

9. Juli 2004, 20:17
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Brüssel - Der Schutz vor Verschmutzung durch genetisch verändertes Saatgut wird die europäische Landwirtschaft mehrere hunderte Millionen Euro jährlich kosten. Die Kosten für die Koexistenz von Gen- und konventionellem Anbau betragen 126 bis 232 Euro pro Hektar bei Raps und 55,3 bis 195 Euro pro Hektar bei Mais, sagte das deutsche Mitglied im EU-Wirtschafts- und Sozialausschuss, Bernd Voß, am Montag vor Journalisten in Brüssel. Voß berief sich dabei auf eine aktuelle Studie von EU-Forschungseinrichtungen.

Unter der Annahme, dass 80 Prozent der gesamten Anbaufläche von der Koexistenz betroffen wären, würde dies jährliche zusätzliche Kosten in der Höhe von 300 Millionen Euro für Mais und 450 Millionen Euro für Raps bedeuten. "Wir wollen nicht die Grundsatzdebatte über Gentechnik wiederholen, uns geht es um die konkreten Auswirkungen für Landwirtschaft und Lebensmittelproduzenten", betonte Voß bei einer Anhörung mit Experten und Vertretern der betroffenen Berufsgruppen in Brüssel.

Wer haftet?

Bei dem Hearing wurden insbesondere die nicht geklärten Haftungsfragen im Fall von gentechnischer Verunreinigung des Saatgutes, des Anbaugebiets oder des Endprodukts hervorgestrichen. Stefano Masini von den italienischen Ökobauern forderte, dass hier das Verursacherprinzip gelten müsse. Voß kritisierte, dass die EU-Kommission die Regelung der Koexistenz den Mitgliedstaaten übertragen habe. "Es ist absehbar, dass es zu einer Vielfalt von Regelungen kommen wird und die Kommission nicht umhin kommen wird, spätestens in zwei Jahren einheitliche Regeln zu verabschieden."

Marcello Buiatti von der Regierung der italienischen Region Toskana wies darauf hin, dass eine effektive Trennung zwischen genetischem und konventionellem Anbau nur für große Agrarbetriebe zu bewerkstelligen sei. "Nach italienischem Recht muss der Abstand zwischen den beiden Anbaugebieten einen Kilometer betragen, damit es zu keiner Verunreinigung durch Pollenflug kommt. Sie können sich vorstellen, was das kostet", sagte Buiatti.

In der Toskana liege die durchschnittliche Betriebsgröße aber bei lediglich sechs Hektar, sagte er. Eine Studie habe ergeben, dass auch bei einer Schutzzone von nur 100 Metern sich der kostengünstigere Anbau von Genmais erst ab einer Betriebsgröße von 180 Hektar rechnen würde. Als mögliche Lösung sprach er daher gentechnikfreie Zonen nach dem Vorbild Kärntens oder Oberösterreichs an.

Schwellenwerte

Bei dem Hearing wurden die weiterhin unversöhnlichen Positionen zu den Höchstgrenzen bei der Verunreinigung mit Genprodukten deutlich. So drängte der deutsche grüne Europaabgeordnete Friedrich-Wilhelm Graefe zu Baringdorf auf eine Beschränkung des Werts bei Saatgut auf 0,1 Prozent. "Ansonsten können wir nicht von Wahlfreiheit von Bauern und Konsumenten sprechen", betonte er. Der Wert von 0,1 Prozent gilt derzeit auch in Österreich, die EU-Kommission hatte dagegen deutlich höhere Schwellenwerte vorgeschlagen.

Vertreter der Agrarindustrie bezeichneten eine niedrigere Höchstgrenze dagegen als existenzbedrohend. "Viele Bauern werden dann kein Saatgut mehr produzieren, weil sie nicht hundertprozentig garantieren können, dass es nicht verunreinigt ist", sagte der Direktor einer großen französischen Saatgutfirma, Georges Sicard.

Ähnlich äußerte sich Franz Engelke von der größten deutschen Getreidemühle im niedersächsischen Hameln. "Wir können unseren Kunden derzeit den Wert von 0,9 Prozent nur garantieren, weil wir von den Bauern nur Mais mit höchstens 0,1 Prozent Verunreinigung übernehmen", sagte Engelke. Die Verunreinigung mit genetisch verändertem Mais sei nämlich nicht gleichmäßig. Daher müsse es eine Marge geben. "Wir wollen nicht riskieren, dass uns ein Unternehmen klagt, weil in einer Packung Erdnussnips 1,2 Prozent genetisch veränderter Mais gefunden wurde."(APA)

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