St. Pölten: Leiter des Priesterseminars zurückgetreten

8. Juli 2004, 11:02
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Ermittlungen führt ab sofort vom Landesamt für Verfassungsschutz - Kritiker: "Defizite in der Auswahl von Priesterkandidaten"

St. Pölten/Wien - Das Innenministerium hat die seit mehreren Monaten anhaltende Kinderpornoaffäre im Priesterseminar St. Pölten zur Chefsache erklärt. Nach Informationen des STANDARD wurde die Kriminalabteilung von dem Fall abgezogen, ab sofort ermittelt das Landesamt für Verfassungsschutz und Terrorbekämpfung (die ehemalige Staatspolizei). Für einen weiteren Knalleffekt sorgte Montag der Rücktritt von Regens Ulrich Küchl, dem Leiter des Seminars.

In einem Brief an den St. Pöltener Diözesanbischof Kurt Krenn begründete Küchl seinen Schritt so: "Die in den Medien verbreiteten Verleumdungen eines ehemaligen Seminaristen gegen meine Person haben einen so negativen Einfluss auf die öffentliche Meinung ausgeübt, dass meine weitere Amtsausübung wahrscheinlich eine schwere Belastung für das Priesterseminar und die Diözese St. Pölten darstellt."

In einer anonymen Mitteilung an die Medien war Küchl am Wochenende beschuldigt worden, sexuelle Kontakte zu Seminaristen unterhalten zu haben. Davon gebe es auch ein Foto. Küchl weist die Vorwürfe als "völlig absurd" zurück und meint, den anonymen Hinweisgeber zu kennen. Es handle sich um einen hinausgeworfenen Seminaristen, der sich rächen wolle.

Beten für die Wahrheit

Krenn nahm den Rücktritt Küchls "schweren Herzens" an, wie er in einer Presseaussendung mitteilte: "Ich hoffe und bete, dass die Wahrheit, die allein uns freimacht, bald zum Sieg gelangen möge." Zum neuen Leiter des Priesterseminars wurde überraschend Pater Werner Schmidt ernannt. Dieser war bisher als Moderator der in St. Pölten stationierten "Gemeinschaft vom heiligen Josef" tätig.

Auf Computer kinderpornografische Abbildungen entdeckt

Wie berichtet, hat die Kinderpornoaffäre im St. Pöltener Priesterseminar bereits im vergangenen Herbst ihren Anfang genommen. Regens Ulrich Küchl hatte selbst die Polizei informiert, nachdem auf einem für alle Seminaristen zugänglichen Computer kinderpornografische Abbildungen entdeckt worden waren. Der Strafrahmen für den Besitz von Kinderpornos beträgt bis zu zwei Jahre Haft. Inoffiziell war von acht Verdächtigen die Rede. Kurz danach beging ein Priesteramtsanwärter Suizid.

Als Folge der Affäre warfen Kritiker Bischof Kurt Krenn "Defizite in der Auswahl von Priesterkandidaten" vor. Um die Statistik zu schönen, würden auch nicht für das Priesteramt geeignete Kandidaten zugelassen. Krenn wies diese Vorwürfe immer wieder entschieden zurück.

Im ersten Halbjahr 2004 gab es in Österreich 35 katholische Neupriester, fünf davon in der Diözese St. Pölten. Eigentlich hätten dort vergangene Woche sechs Priester geweiht werden sollen. Doch in einem Fall nahm die Diözese "auf Anraten Roms" vorläufig Abstand von der Weihe. Kurz zuvor hatte es erneut Hausdurchsuchungen im Seminar gegeben. Wer die verbotenen Webseiten angeklickt hat, ist aber noch ungeklärt. Laut zuständigem Staatsanwalt Walter Nemec müssen Tausende Bilder überprüft werden. (Michael Simoner/DER STANDARD, Printausgabe, 6.7.2004)

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    Regens Ulrich Küchl

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