Keine Angst vor coolen Sprüchen

8. Juli 2004, 23:35
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Oder: Wie man auf der Basis eines grundsätzlich großen Interesses für Wein mit jedem Topfen einen Bestseller lukrieren kann

Klar, das schaut jetzt so aus, als wäre ich den beiden sympathischen Brüdern aus Wiesbaden, Cornelius und Fabian Lange, ihren Erfolg neidig. Und der kann sich sehen lassen: Die Brüder kolumnieren im Stern, in der Zeit und schafften es sogar, die Redaktion von ARTE von ihren Fähigkeiten zu überzeugen. Respekt dafür. Geschafft haben sie das mit ihren kleinen Büchern, in denen sie nicht unreflexiv über den Minderwertigkeitskomplex unerfahrener oder sich heranbildender Weinfreunde und –kenner scherzen, in denen sie ihren Leserinnen und Lesern nahe legen, dass das mit dem Wein auch nicht viel anders ist als der Kauf von Gebrauchtwagen, dass mit einem Scherz auf den Lippen und locker vom Hocker alles viel leichter geht, und dass man vor allem keine Angst vor Wein haben muss.

So heißt auch ihr aktuelles Buch, und irgendwie wäre ich von alleine nie auf die Idee gekommen, vor diesem schönen Getränk Angst haben zu müssen. Aber da bin ich offenbar zu wenig Deutscher, und zu wenig von Persönlichkeits-Seminaren und Fortbildungskursen geprägt, denn das Bild, das die Brüder da zeichnen, ist natürlich ein anderes: Überall Weine, bei denen man sich nicht auskennt, überall Menschen, die die ganze Zeit über nichts anderes reden als über Wein, sozialer Ausschluss droht, Verlust von Arbeitsplatz und Freundschaft, Leistungsdruck herrscht, es gibt viel zu tun, packen wir’s an.

"Regalparanoia" und "Zombiewein"

Die Methode der Gebrüder Lange besteht da nun einmal darin, einzelne Aspekte des Lebens mit Wein zu verallgemeinern, Regeln dafür zu finden, einfache Lösungen anzubieten und damit man sich’s leichter merkt, flotte Namen zu erfinden: „Regalparanoia“, „Zombie-Wein“, „O-Ya-Bum-Weine“ und so weiter. Stilistisch geht es im „Hey, Mann, ey cool, echt, ey“ weiter, zum Thema Reinzuchthefen erfährt man etwa: „Gezügelte Vergärung mit Reinzuchthefen. Eiszeit im Keller. Ergebnis: freche Früchtchen“, oder, „Flying Winemaker: Miles-and-more-Önologen, die die Globalisierung des Weinbaus vorantreiben: Noch zweimal zu Allesverlooren runter ans Kap, dann krieg ich meine Emirates-Platinumcard“. Sehr gut, reif für Mainz.

Bester Indikator für die Qualität eines Weinbuches ist natürlich immer, sich den Österreich-Teil anzuschauen, weil da kennt man sich ja schließlich am besten aus. Zum Thema Grüner Veltliner liest man da etwa: „7 Millionen Österreicher können nicht irren!“ Wer ihn zum ersten mal trinkt, könne leicht den Eindruck gewinnen, die Österreicher würden ihn produzieren, um Touristen zu erschrecken, er werde meistens aus unförmigen 2 Liter-Flaschen ausgeschenkt, im Heurigen werde er mit Mineralwasser auf Trinkstärke herabgesetzt und nehme neben Sisi, Sachertorte und Walzerkönig einen Ehrenplatz unter den Austrodevotionalien ein.

Und weil wir ihn immer selbst weggetrunken haben, müssten wir uns auch nicht für ihn schämen, ein paar Unbeugsame hätten in den 80er-Jahren dann aber erkannt, dass sich was draus machen lässt und jetzt gäbe es eh ein paar Grüne Veltliner, die international gefeiert würden“. Herzlichen Dank für den Hinweis, damit ist wohl klar, wer dieses Büchlein braucht: Alle, die sich mit dem Thema eigentlich nicht wirklich auseinandersetzen wollten, aber ganz gern zu jedem Thema ein paar Stereotypen, Klischees und Allgemeinplätze zitieren können; alle, die sich einer Sache lieber oberflächlich als genussvoll widmen, alle, die der Meinung sind, dass ein paar Anglizismen mehr („Wine-Zapping“, „Cool Climate“, „Continental Hopping“ ...) auch nicht schaden können, um bei den Kumpels einen coolen Eindruck zu machen.

Bisher war ja „Der richtige Wein zur richtigen Frau“ mein Favorit auf der Liste der zu verzichtenden Weinbücher. Ist dort auch noch ungeschlagen, die lässigen Langes nähern sich aber im Sauseschritt. Eh, echt Mann, ey.

Von Florian Holzer
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