Forschen, entscheiden, waschen, trinken

11. Juli 2004, 21:09
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Andrea Tilche leitet die EU-Forschung zum Thema Wasser. Michael Freund sprach mit ihm bei einem Wien-Aufenthalt über Projekte und das Verhältnis von Wissenschaft und Politik

STANDARD: Welche Art von Projekten können in einem wassermäßig so verschiedenartigen Kontinent wie Europa und seinen Inseln sinnvollerweise gefördert werden?

Tilche: Viele verschiedenartige, die doch alle betreffen. Es gibt zum Beispiel ein Projekt für die präventive Rehabilitation der von Menschen geschaffenen Wassernetzwerke. Mithilfe von "soft technologies" können wir den Zustand der Leitungen, Becken etc. überprüfen und bestimmen, wann etwas reif ist, repariert oder ersetzt zu werden. Solche Prävention hilft Milliarden sparen. Oder nehmen wir das Projekt SMAC (Smart Control of Wastewater Systems), das im Sechsten Rahmenprogramm der EU unter dänischer Leitung durchgeführt wurde. Durch den intelligenten Einsatz von Sensoren und Software ist es unter anderem gelungen, die Sauerstoffzufuhr im Abwasser kontinuierlich und online so zu kontrollieren, dass die Kläranlage bis zu 25 Prozent mehr Wasser aufnehmen kann. Die Details würden zu weit führen, aber das Endergebnis ist Kostenersparnis durch effizientere Klärung. Zur Kostenminimierung trägt auch ein Forschungsvorhaben über Management von Trinkwasserzufuhr bei. Und es gibt elf weitere Projekte im gerade zu Ende gehenden Rahmenprogramm.

STANDARD: Sie haben in Wien auch die großen Wasserprojekte Ihrer EU-Abteilung vorgestellt (am Informationstag Globaler Wandel und Ökosysteme, siehe unten stehenden Beitrag). Worum geht es dabei?

Tilche: Es geht dabei hauptsächlich um Vorhaben, bei denen europäische Stärken und Erfahrungen genutzt und weitergegeben werden können: die Anfälligkeit von Wasserressourcen gegenüber Umweltveränderungen; Hochwasser- und Dürreprognosen; Boden- und Wassermanagement; Wasseraufbereitungssysteme; integriertes Management von Trinkwasser in urbanen Zonen. Dazu kommen gezielte kleinere Projekte mit vielen, manchmal vielleicht zu vielen Partnern.

STANDARD: Welche weiter reichenden Ziele hat Ihre Abteilung? Wen unterstützen Sie dabei?

Tilche: Wir unterstützen die Betreiber und alle, die mit Wasser zu tun haben, bei ihren Entscheidungsprozessen. Bis 2015 sollen ja gemäß einer EU-Richtlinie alle Flüsse eine gute Wasserqualität haben. Um das zu erreichen, muss man das komplexe Zusammenspiel von Parametern wie chemische Bestandteile, Biovielfalt, Ökologie, ökonomische Erfordernisse usw. beachten. Wir helfen dabei, die Analysemethoden zu vereinheitlichen, die zurzeit national bestimmt sind. So meldet etwa ein Land hohe Belastung eines Gewässers durch einen bestimmten Schadstoff, der in einem anderen Land gar nicht gemessen wird. Ist ein Fluss nun stark verschmutzt, dann muss man mit allen beteiligten Stakeholders reden - Landwirtschaft, Industrie, Verbraucher, Tourismusbranche usw. - und herausfinden, welche Lösungen mit welchen Kosten und Nutzen verbunden sind. Das kann natürlich sehr konfliktreiche Gespräche bedeuten.

STANDARD: Ist das nicht eher Politik als Forschung?

Tilche: Nein. Alle Konsequenzen bedenken bzw. simulieren, alle Parameter messen, die Kosten quantifizieren, die Szenarien durchspielen: Das ist reine Forschungsarbeit. Idealerweise gibt es zum Schluss dann eine Win-Win-Situation. Aber manchmal muss jemand einfach zurückstecken.

STANDARD: Im Zusammenhang mit Wassernutzung fällt oft das Stichwort "Privatisierung", und gerade in Österreich denkt man dabei an den Ausverkauf einer sehr guten Ressource.

Tilche: Das Thema wird natürlich in Brüssel diskutiert. Als Forscher sagen wir dazu: Wir können und sollen Ergebnisse präsentieren, die politische Entscheidungen auch unterstützen. Wir konzentrieren uns auf die Evaluation von Szenarien und von bisherigen Erfahrungen - das hat etwa das Projekt Euromarket in Hinblick auf die Liberalisierung des Wassermarktes in Europa getan. Man muss sagen, dass sowohl die öffentliche/kommunale als auch die private Wasserversorgung Vor- und Nachteile haben. Auf beiden Seiten gibt es erfolgreiche Modelle ebenso wie Ineffizienz. Die Debatte ist derzeit noch von Apriorismen geprägt. "Ware" versus "öffentliches Gut", so lauten die Extrempositionen. Dabei sollte man bedenken, dass das kommunale Gut ja nicht aufgegeben wird, wenn Private mitmachen. Sicher ist, dass jedes System reguliert werden muss, dass ein "framework of governance" es erlaubt, die Situation zu regeln. Auch eine überwiegend private Versorgung, wie sie Großbritannien hat, braucht selbstverständlich Kontrolle, um Exzesse zu verhindern. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5. 7. 2004)

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