"Er ist verrückt, der Deutsche"

5. Juli 2004, 18:55
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Nach Triumph herrschte Party-Stimmung in ganz Griechenland - Empfang am Montag im alten Olympiastadion - Trauer in Portugal

Athen - Ganz Griechenland befindet sich im Fußball-Rausch - auch am Morgen nach dem sensationellen EM-Triumph der Hellenen konnten die euphorisierten Fans ihr Glück kaum fassen. "Wenn es ein Traum ist, lasst mich weiterschlafen", kommentierte die Athener Zeitung "Adesmeftos" am Montag auf der Titelseite ungläubig den 1:0-Endspielsieg gegen den hohen Favoriten Portugal. Nach dem Abpfiff im Lissabon rannten die Griechen in Scharen auf die Straßen und starteten die große Party.

Coach Otto Rehhagel und Siegtorschütze Angelos Charisteas hatten das ganze Land glücklich und stolz gemacht. Die gesamte griechische Presse erschien am Montag in den Nationalfarben blau und weiß. Und die Schlagzeilen waren von natürlich von riesiger Begeisterung geprägt: "Unsterblich", wählte das Sportblatt "Goal" als Titel. Und "Sporttime" meinte: "Gott, gib mir mehr Tränen, damit ich weiter vor Freude weinen kann."

"Nenikikamen"

Selbst die angesehene politische Zeitung "Eleftherotypia" widmete ihren Leitartikel dem unerwarteten Coup von Rehhagel und Co. gegen Gastgeber Portugal. Darüber stand nur ein Wort auf Altgriechisch: "Nenikikamen". Es war das letzte Wort jenes Marathonläufers, der im Altertum die Nachricht vom Sieg der Athener über die Perser in Marathon aussprach, ehe er starb.

Der größte Erfolg im griechischen Fußball mobilisierte zur Party ohne Ende. In Athen und Saloniki bildete sich ein Fahnenmeer in blau-weiß. Hupkonzerte und tausende Leuchtkugeln verwandelten die beiden größten Städte des Landes in Hexenkessel. Auf den Inseln sprangen nach dem Schlusspfiff hunderte junge Leute ins Meer, vom Athener Hügel Lykabettus wurden Salutschüsse abgefeuert. Das passiert sonst nur an Nationalfeiertagen.

Ministerpräsident Karamanlis gratuliert

"Wir gratulieren Trainer Rehhagel und seinen Spielern, weil sie alle Griechen weltweit glücklich gemacht haben", sagte via Fernsehen aus Portugal Ministerpräsident Kostas Karamanlis, der im Stadion des Lichts die Daumen gedrückt hatte und nach dem Schlusspfiff auf der Tribüne brüllend wahre Freudentänze aufführte. Auch die Griechen Zyperns machten die Nacht zum Tag. Das Fernsehen zeigte auch Bilder von jubelnden Griechen in Australien, in Deutschland, den USA und Südafrika.

Und alle wissen, wem sie die große Freude zu verdanken haben: "Er ist verrückt, er ist verrückt, der Deutsche", skandierten die Fans immer wieder - und meinten Rehhagel. Für Montag Abend bereiteten die Griechen ihrem "Fußball-Gott" Rehhagel und ihren "Halbgöttern" einen Empfang wie für Olympiasieger vor. Sie sollten im alten Olympiastadion "Panathinaikon" von 1896 empfangen werden. Eine Ehre, die bisher nur Olympiasiegern zuteil wurde.

Positives Klima vor Olympia

In einem sind alle Griechen einig. Der sensationelle EM-Triumph wird im Hinblick auf die Olympischen Sommerspiele im August in Athen für ein positives Klima im Lande sorgen. "Die Griechen haben jetzt mehr Selbstvertrauen und auch die notwendige Begeisterung bekommen", meinte dazu ein Psychologe im Fernsehen.

Trauerarbeit in Portugal

Trotz der Niederlage haben sich die Portugiesen größtenteils als gute Verlierer gezeigt. In Städten wie Lissabon oder Porto zogen in der Nacht zum Montag Tausende Menschen mit Tränen in den Augen durch die Straßen und ließen ihre Nationalelf und ihr Land hochleben. "Viva Portugal!" (Es lebe Portugal), war immer wieder zu hören.

"Das ist der bitterste Tag in der Geschichte unserer Nationalmannschaft", meinte ein Fernsehkommentator. "Aber drei Wochen lang hat die Welt portugiesisch gesprochen". Staatspräsident Jorge Sampaio sprach seinen Landsleuten Mut zu. "Wir müssen dem Team für die große Anstrengung und große Klasse danken." Zudem könne Portugal auf die gute Organisation des Turniers stolz sein. (APA/dpa)

  • Ausgelassene Feier in Griechenland.

    Ausgelassene Feier in Griechenland.

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