Wittgenstein-Preis für Mittelalter-Historiker Walter Pohl

5. Juli 2004, 18:53
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Der "österreichische Nobelpreis" ist mit 1,5 Millionen Euro dotiert

Wien - Der "österreichische Nobelpreis", der mit 1,5 Millionen Euro dotierte Wittgenstein-Preis 2004, geht an den Historiker Walter Pohl, den Direktor des Instituts für Mittelalterforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Das gaben Bildungsministerin Elisabeth Gehrer und der Präsident des mit der Abwicklung des Preises betrauten Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF), Georg Wick, am Montag im Vorfeld der Verleihung in Wien bekannt. Gleichzeitig erhielten fünf Nachwuchs-Wissenschafter START-Preise, die mit jeweils 1,2 Millionen Euro für sechs Jahre dotiert sind.

Das Werden Europas zu Beginn des Mittelalters

Der 50-jährige international renommierte Historiker Pohl widmet sich in seinen Forschungsarbeiten den Völkern am Beginn des Mittelalters, speziell den ethnischen Prozessen und der Entstehung der Völker zwischen etwa 400 und 1000 n. Chr. "Es geht mir einerseits um die Frage, wie die einzelnen Völker Europas entstanden sind, also die Prozesse, wie Franken, Angelsachsen, Ungarn, usw. zu Völkern wurden, andererseits um die Frage, warum in Europa diese Einteilung nach Völkern und deren politische Rolle so wichtig wurde", erklärt Pohl.

Denn gerade in einem Punkt unterscheide sich die europäische Geschichte von vielen anderen Kulturen, wie etwa der islamischen, indischen oder chinesischen: dass sich nämlich Staaten in Europa sehr oft auf ethnischer Grundlage als Nationen bilden und Reiche entstehen, die ihre Legitimität von Völkern herleiten.

Das Konzept Nation

Pohl bearbeitet damit ein Forschungsgebiet von aktueller Brisanz, das zum Verständnis der heutigen Welt beitragen kann. Denn "dieses Denken und politische Handeln in Völkern setzt sich in neuer und neuester Zeit in der modernen Nation durch". Wenige historische Entwicklungen hätten so weit reichende ideologische Folgen gehabt, die dann im 19. und 20. Jahrhundert zu sehen waren. In der Debatte um die Entstehung der modernen Nationen werde oft zu wenig berücksichtigt, dass diese Art des Denkens schon im Frühmittelalter ihre Wurzeln habe, betonte Pohl.

Mit dem Frühmittelalter habe man einen jahrhundertelangen Zeitraum, wo man Prozesse wie die Bildung ethnischer Identitäten sehr gut beobachten kann, "wo manche Dinge sich schneller entwickeln, als das sonst oft der Fall ist, wo man fast unter Laborbedingungen Identitätsbildung studieren kann", erklärte der Historiker.

Geld für weitere Untersuchungen und internationalen Austausch

Mit dem Preisgeld will sich Pohl weiter den sozialen und kulturellen Rahmenbedingungen dieser Zeit widmen. "Der Wittgenstein-Preis ist eine hervorragende Gelegenheit, das in einem größeren Stil und systematischer als bisher zu untersuchen", sagte der Historiker. Konkret plant Pohl mit den für fünf Jahre vergebenen 1,5 Mio. Euro, einige junge Leute, primär Post-docs, längerfristig anzustellen und an bestimmten Projekten arbeiten zu lassen.

Derzeit hat Pohl an seinem ÖAW-Institut einen fixangestellten und vier aus Drittmittel finanzierte wissenschaftliche Mitarbeiter beschäftigt. Außerdem hofft er, damit Ausländer - sowohl Junior- als auch Senior-Fellows - für einige Zeit nach Wien holen zu können, um den internationalen Austausch seines Instituts ausbauen zu können. Schließlich will er zahlreiche Tagungen und Workshops veranstalten und damit sein Fachgebiet auch einer breiteren Öffentlichkeit vermitteln.

Die "Wiener Schule"

Wien habe als Zentrum der Frühmittelalter-Forschung schon jetzt einen besonderen Ruf, die "Wiener Schule" ist mittlerweile international anerkannt. "Das liegt daran, dass das Fach langfristig wachsen konnte, vor allem auch durch meinen Lehrer Herwig Wolfram", erklärte Pohl. Ihm ist es wichtig hervorzuheben, dass seriöse Forschung, gerade in den Geisteswissenschaften, langen Atem brauche, erst wenn man einige Jahrzehnte konsequent arbeite, internationale Kontakte knüpfe und publiziere, könne man die Ernte einbringen. Heute werde aber vielfach gedacht, dass man "mit Wissenschaft ein bisschen kurzatmig verfahren kann".

"Signal an die Geisteswissenschaften"

Mit dem Sieg Griechenlands in der Fußballeuropameisterschaft verglich Historiker Walter Pohl seine Kür zum Wittgensteinpreisträger 2004. Die Auszeichnung sei generell ein Signal an die Geisteswissenschaften, so der Wissenschafter bei einer Pressekonferenz in Wien. Pohl ist der erste Historiker, der den mit 1,5 Millionen Euro dotierten Preis erhält.

Bildungsministerin Elisabeth Gehrer betonte, dass "die Geisteswissenschaften nicht unter die Räder" kommen werden, wie immer wieder befürchtet. "Forschung fördern, heißt Menschen fördern", so die Ministerin. In diesem Sinne sind der Wittgensteinpreis - wie auch die gleichzeitig vergebenen Startpreise - in erster Linie dazu gedacht, zusätzlich Wissenschafter anzustellen. Im Falle der Startpreise sind es meist Uni-Angehörige kurz vor oder nach der Habilitation, die mit den Mitteln auf sechs Jahre Teams anstellen und so neue Forschungsschwerpunkte schaffen können.

Einziges Kriterium für Wittengenstein- und Startpreise sei Qualität, sonst nichts, betonte Georg Wick, Präsident des Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF). Der FWF wickelt im Auftrag des Bildungsministerium die Vergabe der Auszeichnungen ab. Dass sich heuer keine Frauen unter den Ausgezeichneten befinden, führt Wick darauf zurück, dass sich zu wenig weibliche Forscher um die Preise beworben hätten. (APA)

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    Walter Pohl

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