Schöne, teure, leere Stadien

4. Juli 2004, 20:54
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So mancher Bürgermeister und seine Steuerzahler werden sich noch lange mit den für den Alltag überdimensionierten Stadien auseinander zu setzen haben

Lissabon - "Es war", so bilanzierte Franz Beckenbauer, deutscher Schnittlauch auf allen ballesterischen Suppen, "eine hervorragende EM. Es wurde von fast allen Mannschaften nach vorn gespielt, so kamen attraktive Spiele zustande."

Im Finale stand freilich eine, die stets nur von hinten kam und sozusagen das Fettauge auf dieser Suppe ist, was dem Deutschen aber insoferne wurscht ist, weil die Griechen ja sozusagen an seiner Statt ins Finale zogen. Tatsächlich darf man einige Spiele als besondere Juwelen in Erinnerung behalten. Niederlande - Tschechien etwa in der Vorrunde oder Portugal - England im Viertelfinale, wo sich David Beckham um Kopf und Kragen elfmeterte, sodass sich nun sogar die Mädchen von ihm abwenden und er in ewiger Treue zu seiner Victoria Zuflucht suchen muss.

Beckham fand auf der Stelle zahlreiche Nachfolger. Ballesterisch sowieso, da haben die Jungen gezeigt, dass es ein "Nachwuchsproblem" nur in Österreich gibt. Der eine oder andere von ihnen - Wayne Rooney, Milan Baros, Kevin Kuranyi - schlüpfte auch sogleich in die schöne Rolle eines Womenizers.

Ab Montag kehrt Europa zur Routine zurück. Eine Routine, über die Franz Beckenbauer ziemlich herzieht, weil sie die Stars - David Beckham zum Beispiel - zu sehr ermüdet. "Es ist doch klar, dass die Leute bei 70 bis 80 Pflichtspielen müde werden."

Mittlerweile haben auch die Buchhalter ihre Arbeit beinahe beendet. Angeblich, sagt Euro-Geschäftsführer Martin Kallen, stehen unterm Strich schwarze Ziffern. 97 Prozent der 1,2 Millionen Karten wurden abgesetzt. Das Unternehmen Euro 2004 war - und so wird das auch 2008 sein - ein Joint Venture von UEFA, portugiesischem Verband und Staat Portugal. Finanziell hat sich dabei vor allem das Engagement des Staates und der Kommunen als günstig erwiesen. Der frühere Ministerpräsident Aníbal Cavaco Silva hatte das zwar als Fehler bezeichnet, "das verhindert notwendige Invesitionen in Wirtschaft und Industrie". Der neue EU-Chef José Barroso brachte das Geld dennoch auf. Land und Kommunen sind zu 25 Prozent an allen Kosten für die Stadien beteiligt. Und die betragen immerhin 800 Millionen Euro.

Jetzt steht Portugal vor der heiklen Frage: Was tun mit den schönen Plätzen? Denn der ballesterische Alltag in Portugal ist kein wahrer Publikumsmagnet. Im Schnitt kamen zuletzt 6137 Zuschauer zu den Ligaspielen. Aber selbst dieser Schnitt täuscht. Denn Benfica Lissabon, Sporting Lissabon und FC Porto haben Besucherzahlen im fünfstelligen Bereich. Martin Kallen meint denn auch: "Einige Kommunen werden Probleme haben, die Stadien nach der EM auszulasten."

Eine österreichisch-schweizerische Delegation übernahm gestern von den Portugiesen die EM-Hausherrenrechte. Organisatorisch. Sportlich mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht. Die Zuschauer allerdings übten schon. 10.000 kamen gestern zur Vidi-Wall in der Wiener Krieau. 9999 Teamchefs. Plus einen, der es auch ist. Er ist dafür extra aus Jesolo angereist. (ag, wei - DER STANDARD PRINTAUSGABE 5.7. 2004)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Das Estadio Municipal von Braga

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