Konfessionelle Säuberung in Süden und Südwesten

5. Juli 2004, 20:42
12 Postings

Sunnitische Mudjahedin vertreiben Schiiten

Wien/Bagdad - Sunnitische Mudjahedin terrorisieren in den gemischt sunnitisch-schiitischen Gebieten im Süden und Südwesten von Bagdad die Schiiten mit der Absicht, sie von dort zu vertreiben: Ganz offensichtlich versuchen sie, das "sunnitische Dreieck" auf einen sunnitischen oder sunnitisch-dominierten Gürtel rund um Bagdad auszudehnen, und dazu betreiben sie konfessionelle Säuberungen. Die Schiiten in diesem Gebiet sollen in den Süden abgedrängt werden.

Wie der STANDARD direkt aus dem Irak von Betroffenen erfuhr, sind aus der (mehrheitlich sunnitischen) Umgebung von Abu Ghraib bereits Schiiten geflohen. Am schlimmsten ist der sunnitische Terror in Orten westlich von Falluja, wie in Yussufiya, wo Todeslisten von Schiiten aufgetaucht sind, die von den Mudjahedin der Kollaboration mit den Besatzern beschuldigt werden. Zuletzt wurden auch Personen als "Kollaborateure" ermordet, die von der US-Armee in Gewahrsam genommen und danach wieder freigelassen wurden. Weiters werden Menschen mit pseudo-religiösen Begründungen getötet, etwa kürzlich ein Friseur, der, sich über den Befehl der Mudjahedin hinwegsetzend, weiter Männern die Bärte schor.

Taktik

Die Gewalt von sunnitischen Mudjahedin gegen Schiiten in gemischten Gebieten ist seit Wochen im Steigen begriffen, und da besonders gegen solche, die sich neutral verhalten. Chaos und Gewalt sollen offensichtlich in einem Ausmaß wachsen, dass auch der neuen irakischen Regierung eher positiv Gesinnte das Vertrauen verlieren. Für die Pläne der Mudjahedin ist es günstiger, wenn Schiiten gegen sie selbst, als wenn sie gar nicht kämpfen.

Die jüngsten Meldungen lassen aber befürchten, dass der Terror taktisch bereits der Vorbereitung eines Bürgerkrieges zur Schaffung konfessionell reiner Zonen dient: Die wahhabitisch beeinflussten irakischen Sunniten wollen keinesfalls unter einer schiitischen Mehrheitsherrschaft leben. Die Erweiterung der sunnitischen Gebiete wäre bereits ein strategisches Ziel.

Bürgerkriegsgefahr

Von der neuen irakischen Autorität oder von der US-Armee ist offensichtlich nichts zu erwarten: Denn das Phänomen ist neu, und die Schiiten vermeiden, sie um Hilfe zu bitten, um ihre sunnitischen Peiniger nicht noch mehr gegen sich aufzubringen. Schiiten, die nicht an Land gebunden sind und Verwandte im Süden haben, werden wohl eher fliehen, während sich jedoch die ansässigen schiitischen Landbesitzer zunehmend die Frage stellen, ob sie sich nicht organisieren und wehren sollen. (Gudrun Harrer/DER STANDARD, Printausgabe, 5.7.2004)

Share if you care.