Pathosreiche Peinlichkeit

9. Juli 2004, 11:43
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Barbara Hendricks mit Tin-Pan-Alley-Schlager der 30er-Jahre beim Jazzfest Wien

Wien - Bryan Ferry und Robbie Williams taten es. Nana Mouskouri ebenso. Und Nina Hagen tut es noch immer. Es ist schick, die Hadern des Great American Songbook auszugraben und einer mehr oder weniger jazzigen Interpretation zu unterziehen. Nicht nur im Pop scheint man so auf der Suche nach neuer, nicht nur teeniekompatibler Substanz zu sein. Auch von klassischer Seite sind Begehrlichkeiten nach dem Jazz-Genre zu verspüren. Von Jessye Norman etwa weiß man, dass sie sich zuweilen der afroamerikanischen Tradition widmet.

Barbara Hendricks, die US-Sopranistin mit Wahlheimat Schweden, tat es zum ersten Mal 1994, als sie - immerhin mit dem Monty-Alexander-Trio - Duke Ellington beim Jazzfestival Montreux Tribut zollte. 2001 folgte eine Verbeugung vor George Gershwin (It's Wonderful). Am Samstag tat sie es beim Jazzfest in der Wiener Staatsoper. Leider.

Denn die Tin-Pan-Alley-Schlager der 30er-Jahre sind nicht nur alt, sondern altgedient: Diesen Songs heute noch individuelle Facetten abzutrotzen, das ist kein Unternehmen für einen Kurzurlaub von der Opernbühne, sondern ein Lebensprojekt, an dem selbst im Jazz viele scheitern. Das verlangt entweder radikale Neubearbeitung oder aber ein virtuoses Spiel mit rhythmischen und farblichen Nuancen. Hendricks bot keines von beiden, legte stattdessen bleischwere, pastose Legatolinien über die Akkorde.

Ellington, Gershwin, Cole Porter und Richard Rodgers in die Welt des Belcanto zu beamen, das hatte an sich schon karikatureske Wirkung; obwohl man dies vielleicht noch hätte nachsehen können, wäre da der Wille zu dramaturgischer Gestaltung spürbar gewesen. Ein einziges Mal, in Fats Wallers Ain't Misbehavin, waren Ansätze hörbar, nicht nur auf der melodischen Oberfläche dahinzusegeln. Der Rest war pathosreiche Peinlichkeit. Die Mannen des begleitenden Magnus-Lindgren-Quartetts, durchaus solide anzuhörende junge Herren, sollten sich überlegen, ob ihnen der große Name Hendricks' in diesem Kontext als Reverenz oder als Stigma anhaften wird. (DER STANDARD, Printausgabe vom 5.7.2004)

Von
Andreas Felber
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    Barbara Hendricks

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