Festspiele in Reichenau eröffneten mit "Talisman"

7. Juli 2004, 10:58
posten

Sommertheater par excellence: "Bekehrung eines Karrieristen"

Sommertheater par excellence: Die Festspiele in Reichenau eröffneten die Saison mit dem "Talisman". Nicholas Ofczarek bringt als Titus das Sprachgewitter zum Leuchten und Poltern.


Reichenau - Dieser Titus Feuerfuchs ist ja ein recht garstiger Kerl. Kaum hat er die unterste Stufe der Sprossenleiter erklommen, lässt er sie auch schon unter sich zurück und mit ihr die ihr zugehörige Frauensperson, um sich weiter hinaufzuturnen: Gänsehirtin, Gärtnerin, Kammerfrau, Schlossherrin - die Aktien der Damen steigen rasch und fallen noch rascher. Ein Mangel macht eben noch keinen guten Menschen: Titus' rote Haare sind ein Wettbewerbsnachteil, und der Schopf, an dem er sich aus dem Sumpf der Nichtbeachtung zieht, ist eine schwarze Perücke, die ihm zufällt: der Talisman.

Ein Mann will nach oben. Man war nicht nett zu ihm. Er sagt "in mir organisiert sich aber auch schon Misanthropisches" und setzt die Ellbogen ein. Dann stürzt er scheinbar ins Bodenlose und steht "als Windlicht an der Totenbahr meiner jungen Karriere".

Im 1840 entstandenen Talisman hat Nestroy sein Gespür für soziale Ausbalancierung, für minimale Verschiebungen in den Kräfteverhältnissen zwischen Menschen ideal in einen Spießrutenlauf des Opportunismus umgesetzt. Michael Gampes Inszenierung im Theater Reichenau macht diese Mikrostrukturen der Macht transparent, ohne aus dem komödiantischen Gleichgewicht zu geraten.

Und der Titus des Nicholas Ofczarek bringt das Sprachgewitter so natürlich zum Leuchten und Poltern, als erkläre er sich beim Verfertigen der Sätze selbst die Welt. Großartig wie er, seine Mitspieler an Wuchs und Wort-Schatz überragend, mit vorgerecktem Kinn die Möglichkeiten seiner neuen Unwiderstehlichkeit offensiv ausprobiert, bis er es gar zum "Konsulenten" der poetisch dilettierenden Frau von Cypressenburg (Sylvia Lukan) bringt, also zu einem, der nichts zu tun hat und dennoch als unentbehrlich gilt.

Angesichts der ewigen Crux der aktualisierten Couplets (die ja doch nie an die Nestroy'schen Strophen heranreichen), hält man sich wacker mit verständiger Zeitkritik und zieht sich nach der Pause elegant aus der Affäre: Ofczarek liest Zeitungsschlagzeilen vor. Und trotz der stimmigen Klavierbegleitung (Georg Wagner) und der reichenaugerechten Biedermeier-Kostümierung (Erika Navas) verströmt die Aufführung vormärzliche Ungemütlichkeit. Ihr dient wohl auch das klinisch weiße Bühnenbild, wenig originell in der Metaphorik der Stiege, bei dem das Freundlichste, was sich von ihm sagen lässt, ist, dass es funktioniert: Allein sein Bildner, Intendant Peter Loidolt, stolperte beim Verbeugen über eine vergessene Stufe.

Eine Posse darf böse sein, aber sie muss gut ausgehen. Nach dem Desaster vielfach versprochener Witwentröstung steht Titus - "das Gebäude meiner Hoffnungen ist assecuranzlos abgebrannt" - wieder bei Stufe eins, doch er muss nicht zurück an den Start: Sein Onkel, der Bierversilberer, hat ihm den Aufprall vergoldet. Nur das Geld hat die Macht, den Geburtsfehler unerheblich werden zu lassen: Titus' Kurs erfährt wieder einen rasanten Anstieg.

Zwei Mängelwesen

Jetzt kommt freilich naturgemäß nur noch die reine Törin infrage, die Gänsemagd Salome Pockerl, das gleichfalls rothaarige Mängelwesen, die Beharrliche, ränkelos Liebende - rührend und, als Coupletinterpretin, mit einem Hauch Frechheit gespielt von Marie Köstlinger. Sie bewirkt die unglaubwürdige Bekehrung eines Karrieristen.

Ein Ensemble ohne falsche Töne, aber auch ohne allzu gut geschmierte Nestroy-Routine trägt den Abend sicher bis zum glücklichen Ende: Die "Witwen" Lana Cencic, Gabriela Benesch und Tamara Metelka (zu Beginn etwas forciert), Hermann Scheidleder als irreparabel fauler Gärtner Plutzerkern, Michael Dangl als Schicksal spielender Friseur, Martin Zauner als Deus ex machina. So sieht man in Reichenau eine Parabel kapitalistischer Wertsetzung und kommt dabei in puncto Unterhaltung auf seine Kosten.(DER STANDARD, Printausgabe vom 5.7.2004)

Von
Daniela Strigl
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Klassisch Reichenau: Nicholas Ofczarek als Titus Feuerfuchs und Marie Köstlinger als Gänsemagd Salome Pockerl in Biedermeier- kostümen im wenig inspirierten Bühnenbild.

Share if you care.