Rohbau mit Fundament

9. Juli 2004, 13:37
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Walter Müllers Vatervorstellungen - Wie soll man sich einen abwesenden Vater zusammenreimen?

Großvater soff, er prügelte Frau und Kind; Vater war Alkoholiker. Jeder hat seinerzeit die Familie verlassen. Mutter redet nicht darüber, sie ist in die Klosterschule gegangen. Ein Aufriss einer Sozialisation, bei dem immer wieder literarische Aufarbeitungen ansetzen. Derartige Bücher über die beherrschende kleine Figur des Vaters hatten - mit kritischen Rückblicken auf eine verdeckte autoritäre Vergangenheit - in den Sechzigern, Siebzigern anhaltend Hochsaison. Dieses narrative Dauerthema der Menschheit lässt sich freilich schwer von (einer dem Inhalt ja entsprechenden) Redundanz freihalten, es tendiert leicht zum Genre, also zur Ästhetik in Serie.

Die Häuser meines Vaters des Salzburgers Walter Müller sind wohl auf ein interessantes Fundament gestellt. Der Roman beginnt mit dem Handwerk ("Mein Vater hat viele Häuser gebaut") und mit dem Tod des Erzeugers, eines Maurerpoliers, als Bemerkung nebenbei: "1978 war ein verrücktes Jahr. Meine Frau ließ sich von mir scheiden, die Zeitung, bei der ich arbeitete, wurde eingestellt, ich erhielt meinen ersten Literaturpreis. Nichts Weltbewegendes, aber immerhin. Ach ja, mein Vater starb. Ich las davon in der Zeitung." Worauf sofort der Konter des aufgeklärten Ich-Erzählers, der um die Prekarität seiner Ordnungsmacht seit der Moderne Bescheid weiß, zu stehen hat: "Eigentlich müsste es heißen: [. . .]." "Nichts Weltbewegendes", aber der Kosmos dieses Robert Krämer jun. gerät in Bewegung.

Nach dem Begräbnis erblickt der Sohn, der den Vater vermeintlich nie gesehen hatte, auf dem Billett mit dem Sterbebildchen das Gesicht eines Mannes, mit dem er mehrmals im selben städtischen Bus gesessen war. Von diesem Abbild ausgehend, erforscht und erschafft er sich seine Familien- und Lebensgeschichten in der Möglichkeitsform, wobei zugleich die narrative Bauweise - zu offensichtlich - vorgeführt wird. Die Systematisierung von Vatervorstellungen, Rückblicken, Reflexionskapitelchen und Ausschnitten einer imaginierten Talkshow als aktuell mediale Verwurstung des Themas erfolgt in Abschnitten, deren Titel die Konstruktion des Romans metaphorisch auf den Hausbau zurückführen.

Walter Müller sind ein paar eindringliche Passagen gelungen, etwa jene in der Scherzhauserfeldsiedlung, die schon bei Thomas Bernhard als existenzielles Kellerabteil im Salzburger Welttheater fungiert. Einige literarische Bezüge, die für ästhetischen und thematischen Tiefgang sorgen sollen, erscheinen zwar ausgeklügelt und sinnvoll, beispielsweise die Märtyrerlegenden, die im zweiten der sechs Abschnitte ("Estrich") eine grausame weibliche Leidensgrundierung erfahren und den vierten Abschnitt ("Baumaßnahmen") mit des Sohnes Abendgebet an den abgehauenen Vater beschließen. Meist jedoch ist die Intertextualität - ein kurzes "Erlkönig"- und ein Wiegenlied-Pastiche wie in der Schülerzeitung - ebenso plakativ wie das Arrangement der Erzählreflexion. Der Wechsel des Duktus, von Wolf-Haas-Anklängen über Kalauer und Schlagertöne bis zu Anleihen bei "Konkreter Poesie", erfolgt in bemühter Lockerheit, die mitunter über den zunächst viel versprechenden Verknappungsstil hinausschießt: "Dafür, dass Mutter nie auffallen wollte, kamen erstaunlich viele Menschen zu ihrer Beerdigung", berichtet ein Sieben-Zeilen-Kapitelchen mit dem unnötigen Aufsatz-Schlusswort "Das hätte sie ganz schön verblüfft."

Wie soll man sich einen abwesenden Vater zusammenreimen? Wenn man ihn nicht persönlich gekannt habe, könne man sich die tollsten Geschichten über ihn ausdenken. Diese, und auch die schlimmsten, bleiben allerdings bei Walter Müller bekannte Fassaden oder im Zustand literarischen Rohbaus. (ALBUM/DER STANDARD, Printausgabe, 3./4.7.2004)

Von
Klaus Zeyringer
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    Walter Müller:
    Die Häuser meines Vaters
    Roman. € 18,-/207 Seiten. Argon, Berlin 2003.

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