Abschied von einem Ausnahmeschauspieler,...

9. Juli 2004, 13:13
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... der letztlich doch immer wieder auszog, das Fürchten zu lernen - Der Hollywood-Star starb 80jährig an Lungenversagen

"Hollywood wird von Furcht und Geldliebe beherrscht. Aber es kann mich nicht beherrschen, weil ich mich vor nichts fürchte und das Geld nicht liebe" (Marlon Brando).


Jetzt wird es anheben, das große Geraune über den alten weißen Wal: Anekdoten darüber, wie er sich gehen ließ und sich in entscheidenden Momenten doch immer wieder fing, und sei es nur für eine einzige lange Einstellung - in Coppolas Apocalypse Now - mit kahl geschorenem Haupt, einem ins Halbdunkel geflüsterten "The Horror..."

Geschichten werden sich verselbständigen - über einen "versilberten Rebellen", der sich treu bleiben wollte und gleichzeitig auf bürgerliche "Treue" pfiff. Der jahrelang trainiert hatte, wie das funktioniert: Kunstvoll vor der Kamera spielen und eine Figur zu konstruieren, bis diese Figur ganz unmittelbar Fleisch und Blut, epische Proportionen gewinnt. Und der sich gleichzeitig im realen Leben bis an den Rand zur Selbstparodie vorgewagt hat. Marlon Brando. Wie konnte einer mit der Strahlkraft, die dieser Name irgendwann einmal verbreitete, auch nur einen Tag leben, ohne zu verglühen?

Greta Garbo oder Marlene Dietrich (seltsam, dass einem zu erst Frauen einfallen), ähnliche Kaliber - sie sind irgendwann einmal, auch zu ihrem eigenen Heil, verschwunden, unsichtbar geworden, Geister möglicherweise. An Brando hingegen haftete immer ein Hang des Ordinären, eine Fleischlichkeit, die denn auch - eine eigene Form des Verschwindens vielleicht - das Maßlose bevorzugte. Schon tröpfeln sie bei den Agenturen herein, die ersten Wahnsinnsdetails: 20 Millionen Dollar Schulden, wer-weiß-wieviel Übergewicht, bei Dreharbeiten in den späten Jahren angeblich nur noch eine Konzentrationsspanne von wenigen Minuten. Kürzestauftritte also für horrende Gagen.

Brando. Irgendjemand hat kürzlich geschrieben, im Popgeschäft seien schon 20 Jahre eine Ewigkeit - und dabei auf die verhältnismäßig kurze Karriere des John Lennon verwiesen. Brando aber begann vor "50 Jahre Rock 'n' Roll". Ein Jahr vor Elvis, 1953, war er The Wild One. Schon 1951 war er der Stanley Kowalski aller Kowalskis in Endstation Sehnsucht. Und 1954 oscarprämiert in On the Waterfront, inszeniert von Elia Kazan: Man schreibt aus diesen Momenten heute gerne eine gloriose Geschichte des Method Acting, und zitiert dann noch Brandos berühmteste "Nachfolger", wie De Niro oder Al Pacino. Aber anders als bei diesen kontrollierten Meistern ist bei Brando eine Selbstverachtung im Spiel, die Souveränität eher als Niederlage, als ein Klein-Beigeben empfindet.

Blut und Zelluloid

Andere Hollywood-Rebellen der Nachkriegszeit, wie zum Beispiel Robert Mitchum, haben aus einer ähnlichen Verächtlichkeit heraus Produzenten auf den Teppich gepinkelt. "Brando", so Jörg Fauser in einer kürzlich erschienenen Biographie, "Brando pinkelte nicht, nein: er traf die Bosse dort, wo es am meisten schmerzte, er brachte sie erst um die Macht und dann um die Moneten, und dass er sich selbst dabei fast ruinierte, zeigt nur die blanke, häßliche Realität hinter all dem Glanz und Tand und Flitter, das Blut auf dem Zelluloid."

Gloriose, zunehmend von exzentrischen Ausritten begleitete 50er-Jahre (man sehe nur Guys and Dolls oder Die jungen Löwen) gingen über in die zunehmend paranoiden 60er, in denen Brando keine Gelegenheit ausließ, sich im wahrsten Wortsinn vorführen zu lassen und "unmöglich" zu machen - aber dafür erst recht lebende Legende zu werden.

Sei es mit seiner einzigen Regiearbeit, dem Independent-Western One-Eyed Jacks (1961), den damals nur er verstand (heute lieben ihn viele Cineasten). Sei es mit seiner vielleicht interessantesten Performance in John Hustons Spiegelbild im goldenen Auge (1967), wo sein Porträt eines Homosexuellen skandalisiert und bewundert zugleich wurde. Sei es bei seinem ersten Ausritt ins europäische Kino, aus Set von Gillo Pontecorvos Queimada, wo ihn der italienische Regisseur angeblich mit vorgehaltener Pistole vor die Kamera zwang:

Brandos Maßlosigkeit hat nie etwas von PR-tauglicher Attitüde, viel eher schien sie glaubhafter Defekt. Irgendwann starrten alle auf ihn wie auf ein Monster in einem Kuriositäten-Kabinett. Gleichzeitig wurde immer sehr schnell klar, dass das Monster intelligenter war als seine Betrachter. Und deshalb auch gelangweilter, und wenn die Situation vollends unerträglich wurde, machte sich das Monster einfach zum Narren.

Verführter Verführer

Die Geschichten werden jetzt alle eintrudeln: Wie es 1971 Francis Ford Coppola gelang, Brando zur Darstellung des Don Corleone in The Godfather zu verführen, oder wie ein Jahr später Bernardo Bertolucci mit dem Star ein großes Menschenporträt, den Letzten Tango in Paris gestaltete. Wie sich Brando 1978 für einen Zwei-Minuten-Auftritt in Superman nicht zu gut, aber dafür teuer genug war. Wie er als Colonel Kurtz in Apocalypse Now weder die versprochenen Kilo herunter hungerte noch seinen Text lernte, aber: Was für ein "Horror!"

"Ich fürchte mich vor nichts!", sagte Brando gern wie der darüber ein wenig verzweifelte Held im Grimms Märchen. Gut möglich, dass er das Fürchten immer gesucht hat: Furcht vor einem Amerika, in dem er den Genozid an den Indianern immer wieder anprangerte. Furcht vor sich selbst, einem Monster, neben dem gerade die Allernächsten vernichtet wurden. Der Selbstmord von Marlon Brandos Tochter, der Mordprozess rund um seinen Sohn: späte Kapitel einer Biographie, an deren Anfang Brando selbst gern Erzählungen über einen versoffenen Vater setzte.

Am 3. April 1924 wurde Marlon Brando in Omaha/Nebraska geboren - in denkbar erbärmliche Umstände hinein. Am Donnerstag, dem 1. Juli 2004 ist er in einem Krankenhaus in Los Angeles gestorben. Die Umstände waren vermutlich nicht viel besser. Dazwischen hat er uns Filme und Geschichten hinterlassen, einen unvergleichlichen Mythos des Jahrhunderts. (DER STANDARD, Printausgabe, 3./4.7.2004)

Von
Claus Philipp
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    1947 begründete eine Broadway-Aufführung von "Endstation Sehnsucht" Marlon Brandos Ruhm. 1951 spielte er den Stanley Kowalski auch im Kino.

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