Die brutzelnde Imagination des Archaischen

7. Juli 2004, 19:53
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Grillen die trendige Freizeitbeschäftigung - Gruppendynamik und Geschlechterrollen spielen mit

Wien - Beim Fisch haben die "Hornochsengriller" etwas ausgelassen. Trotzdem reichte es für das Team aus dem Waldviertel für Platz drei in der Gesamtwertung - bei der jüngst in Deutschland abgehaltenen Grill-Weltmeisterschaft.

Ein dreitägiges Spektakel, das 80.000 Zuschauer und 66 Teams aus 22 Ländern anlockte - komplett mit Einmarsch der Nationen und Entzündung des Barbecue-Feuers. Derart professionell wird die alte Tätigkeit, unter freiem Himmel Lebensmittel mit Hitze zusammenzubringen, noch nicht lange betrieben. Der Wettbewerb in Juni war erst die sechste Grill-WM.

Doch auch ohne Kampfrichter und Trainingssessions wird wie wild gebrutzelt - Schönwetter vorausgesetzt. "Es ist die Imagination des Archaischen, die eine Faszination ausübt", beschreibt die Volkskundlerin Brigitta Schmidt-Lauber von der Universität Göttingen. Im Vorjahr hat sie an der Uni Hamburg ein Proseminar zur "Kultur des Grillens" durchgeführt.

Von der Nahrungszubereitung zum Freizeitverhalten

Dass Grillen von der reinen Nahrungszubereitung zum allgemeinen Freizeitverhalten wurde, begann erst weit nach dem Zweiten Weltkrieg, berichtet die Forscherin. Mittlerweile sei die Szene ausgesprochen differenziert: Low-Budget-Grillen über dem Lagerfeuer gibt es ebenso wie hochmoderne Gasgriller. Auch die Barbecue-Welle (im Unterschied zum Grillen wird dabei das Grillgut über längere Zeit bei niedrigeren Temperaturen bis 120 Grad gegart) findet von den USA kommend immer mehr Anhänger.

Keine sozialen Hierarchien

Neben der gerade bei Städtern beliebten Erfahrung des Naturerlebnisses spielt aber auch die soziale Komponente eine wesentliche Rolle, weiß Schmidt-Lauber. "Grillen ist völlig losgelöst von sozialen Hierarchien und ein ungezwungenes Beisammensein, das noch egalitärer als Fondue ist", meint sie. Jeder könne etwas mitbringen und hilfreich sein. Dieses soziale Ereignis ist so stark, dass selbst Gesundheitsbewusste, die sonst auf ihre Ernährung achten, eine Ausnahme machen.

Männerdomäne Grillrost

Am Grillrost zu stehen ist aber eine Männerdomäne, ist Soziologieprofessorin Nina Degele von der Uni Freiburg überzeugt. "Grillen ist auch ein Ritual, bei dem die Zugehörigkeit zu einer Gruppe gezeigt wird", was für Burschen und Männern wichtig sei. Auch die Tatsache, dass meist unter freiem Himmel gebrutzelt wird, spielt eine Rolle: "Das ist prestigeträchtiger als die Arbeit hinter Fenstern und Türen", betont Degele. Für das Abwaschen seien dagegen wieder die Frauen zuständig. (Michael Möseneder, DER STANDARD Printausgabe 3/4.7.2004)

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    Die Arbeit am Grillrost ist fast immer eine Männer- domäne, wissen die Soziologen. Das gesamte Umfeld des Grillens fasziniert aber beide Geschlechter und alle Schichten.

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