Der Platz für den Visionär aus Wien

16. Juli 2004, 15:34
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Am Freitag wurde die - nunmehr - einstige Gartenbaupromenade in der Wiener Innenstadt in Theodor-Herzl-Platz umbenannt

Wien - Die Ironie, schmunzelte der Präsident der israelitischen Kultusgemeinde (IKG) nachdem das Tuch vom Straßenschild gezogen war, die Ironie der Nachbarschaft sei bezeichnend: "Nicht weit von hier" zeigte Ariel Muzicant ringaufwärts, "hat Karl Lueger seinen Platz. Wien ist ein Ort, an dem so etwas geht - und das ist gut so."

Doch der nach dem Wiener Antisemiten und Bürgermeister benamste Platz nebenan war Freitagfrüh vor dem Palais Coburg nicht Thema. Muzicant war - gemeinsam mit dem israelischen Botschafter Avraham Toledo, Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny und dem Bezirksvorsteher der Innenstadt, Franz Grundwalt - gekommen, um die "Gartenbaupromenade" in "Theodor Herzl Platz" umzubenennen: Am 3. Juli jährt sich der Todestag des Begründers des Zionismus zum 100. Mal.

Keine Postanschrift

Theodor Herzl die bisher Gartenbaupromenade genannte Verkehrsfläche zu widmen, lag nahe: Zum einen hat Herzl lange für die jetzt hier ansässige Presse geschrieben. Zum anderen haben alle Anrainer dieser Promenade eine andere "offizielle" Postanschrift - und in Wien ist es üblich, dass nur jene Straßen, Gassen oder Plätze umbenannt werden können, wo aufwändige Vertrags- und Drucksortenänderungen vermeidbar sind.

Ursprünglich - DER STANdard hatte berichtet - hätte der Herzl-Platz vor der Albertina liegen sollen. Da dort das Mahnmal für alle Opfer des Nationalsozialismus ist, fand man eine Alternative. Der Plan, hier auch eine von Salvadore Dali entworfene Menorrah (einen siebenarmigen Leuchter; Anm.) aufzustellen wurde aber fallen gelassen. Offiziell wegen "statischer Probleme" - der Leuchter dürfte am Desidor-Friedmann-Platz (nahe der Judengasse) aufgestellt werden.

Die Benennung des Herzl-Platzes ging - unter einem massiven Polizeiaufgebot harmonisch vonstatten: Mailath würdigte Herzls "Vision aus dem Grundgedanken des Humanismus", Israels Botschafter Toledo warnte vor dem wiedererstarken des Antisemitismus und Muzicant verwahrte sich dagegen, Herzls Idee vom jüdischen Staat mit der aktuellen Nahostproblematik zu verquicken.

"Rabbiner"-Protest

Eben die geschah ein Hauseck weiter: Hatten vor der Veranstaltung ein paar Personen mit Palästinensertüchern hier Aufstellung genommen, übernahm deren Part dann eine Gruppe - von der IKG als "selbst ernannt" bezeichnete - Rabbiner. Sie negieren das Existenzrecht Israels, da der Staat von Menschen und nicht von Gott geschaffen sei.

Abends zuvor hatten dieselben Ultraorthodoxen eine Konferenz abgehalten. Gäste: der wegen antisemitischer Äußerungen aus der CDU/CSU-Fraktion ausgeschlossene deutsche Abgeordnete Martin Hohmann und FP-rechtsnationalist Ewald Stadler. (Thomas Rottenberg/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3./4. 7. 2004)

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