Staatsmann ohne Staat

16. Juli 2004, 15:34
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Er war Dramaturg und Journalist, Politiker, Theatermacher und vor allem ein Visionär: Vor 100 Jahren starb der geistige Vater des Zionismus

Er hoffte sein Leben lang auf die Emanzipation der Juden, erst auf die persönlich-individuelle, dann auf die kollektiv-nationale. Als er erkannte, dass der Antisemitismus nicht abnahm, sondern noch mächtiger wurde, entschied er sich, aus der Judennot eine Tugend zu machen. Die Verfolgten sollten ein Volk mit Staat werden, und er musste der Moses dieses modernen Exodus sein. Er wurde zum ersten Staatsmann der vaterlandslosen Juden, weil er so gar nicht jüdisch wirkte, und zu einem der bedeutendsten Österreicher, da er eines Tages beschloss, keiner mehr sein zu wollen.

Theodor Herzl kam im Jahre 1860 zur Welt, in Budapest. Er stammte aus einer Familie, die ihre Abstammung zwar nicht vergessen hatte, aber gesellschaftliche Anerkennung durch kulturelle Anpassung zu erreichen versuchte. Der Sohn eines Bankiers wollte Schriftsteller werden, der Jugendliche konnte sich jedoch zunächst nicht entscheiden, ob er auf Ungarisch oder auf Deutsch schreiben wolle. Selbst nachdem die Herzls 1867 nach Wien gezogen waren, scheint der Student nicht recht gewusst zu haben, welche Muttersprache er angeben sollte. Erst bekannte er sich zum Deutschen, dann zum Magyarischen, um 1881 wieder dem Deutschen den Vorzug zu geben.

Im selben Jahr trat er der Burschenschaft "Albia" bei. Nicht wenige jüdische Akademiker, ob Victor Adler, Gustav Mahler oder Sigmund Freud, setzten auf die liberal deutschnationalen Studentenschaften, doch konnten sie über den Antisemitismus ihrer Kommilitonen bald nicht mehr hinwegsehen. Als die Hetze zunahm, suchte Herzl anderntags um die "ehrenhafte Entlassung" aus der Burschenschaft an.

Das religiöse Judentum spielte für ihn damals keine Rolle. Er heiratete 1889 eine Jüdin, ließ aber seinen neugeborenen Sohn nicht beschneiden. Er träumte weiterhin davon, ein deutscher Schriftsteller zu werden. Sein Jus- studium hatte er zwar abgeschlossen, doch hoffte er, durch literarischen Erfolg die rassistische Ächtung und die Ausgrenzungen überwinden zu können. Ein großer Dichter wurde Herzl nie. Wer weiß noch von seinen Stücken, die im Burgtheater aufgeführt wurden? Ansehen erlangte er als Feuilletonist.

Herzl war einer der bedeutendsten Mitarbeiter der Neuen Freie Presse. Als er ihr Pariser Korrespondent wurde, erlebte er 1895 die Degradierung des unschuldigen, jüdischen Offiziers Alfred Dreyfus mit. Der französische Prozess bestärkte Herzls Skepsis gegenüber der Assimilation. In Wien, der Hauptstadt des Populisten Karl Lueger, hätte ihn so eine Affäre womöglich weniger verwundert, doch wie trostlos musste ihm die Zukunft der österreichischen Juden scheinen, wenn selbst in Frankreich, dem Mutterland der bürgerlichen Freiheiten, eine solche antijüdische Kampagne noch möglich war.

Herzl begann nach einem Weg zu suchen, um das Ressentiment gegen die Juden zu überwinden. Er kam auf abenteuerliche Ideen. Er träumte davon, einen der Wiener Demagogen des Antisemitismus, Karl Lueger oder Georg von Schönerer, zum Duell zu fordern. Er schlug gar seinem Herausgeber, Moritz Benedikt, den Plan vor, die Juden in einer Massentaufe zum Christentum übertreten zu lassen; an einem Mittag im Stephansdom.

1895 verfasste Herzl das Buch Der Judenstaat; ein Manifest für die jüdische Selbstbestimmung in einer eigenen Nation. Er war kein Theoretiker des Völkischen, sondern ein ausgebildeter Jurist, der an den Rechtsstaat und das Staatenrecht glaubte. Mit Politikern wie Lueger oder Schönerer hatte er nichts gemein. Im Gegenteil; er war ein Antipode dieser Gestalten; war einer jener Wiener Juden, die damals durch künstlerische, wissenschaftliche oder politische Visionen gegen die vorherrschenden Beschränkungen anzukämpfen versuchten. Victor Adler etwa hoffte auf die Utopie einer umfassenden Emanzipation; Sigmund Freud versuchte das Irrationale zu analysieren und Träume zu verstehen; Herzl wollte sie verwirklichen.

Freud und Herzl wohnten beide in der Berggasse und nickten freundlich, wenn sie einander sahen. Herzls zionistisches Drama Das neue Ghetto hatte zudem bei Freud einen großen Eindruck hinterlassen. Er beschrieb sogar in seinem Traumbuch den Traum, in den er nach diesem Theaterbesuch gesunken war.

Herzl ließ niemanden kalt. Er wusste Aufsehen zu erregen. Das Wort "Judenstaat" war ein Schimpfwort, das er voller Trotz gebrauchte. Der Grundgedanke des liberalen Journalisten war nicht das Schwelgen in ethnischer Romantik, aber wenn alle Welt von der "Judenfrage" sprach, so wollte Herzl eine selbstbewusst jüdische Antwort darauf finden. Wollten die Antisemiten die Juden denn nicht ohnehin aus ihrem Land haben?

Herzl versuchte die Antisemiten nicht vom Wert der Juden zu überzeugen. Ja; teils war er selbst von den Klischees nicht unbeeinflusst, aber der Wiener Journalist glaubte, die Juden würden sich in einem unabhängigen Staat zu würdigen Menschen, frei von der "Schmach der Diaspora" entwickeln und emanzipieren. Sie sollten ein Volk werden wie alle anderen; mit Bauern, Arbeitern und Soldaten. Die Antisemiten waren zwar die Todfeinde der Juden, aber warum sollte ihr Hass nicht für die Interessen der Juden genutzt werden? Wenn die Verfolgten erst über einen eigenen Staat, eine Armee und Macht verfügten, würden sie vom ewigen Opfer zum respektierten Rivalen mutieren. Ein großer zionistischer Theoretiker war er nicht. Herzl selbst erklärte, er hätte seinen Judenstaat nie geschrieben, wenn ihm die Schriften seiner ideologischen Vorläufer, von Moses Hess über Leon Pinsker bis Nathan Birnbaum, bereits bekannt gewesen wären. Vom Judentum hatte er wenig Ahnung und die Bevölkerung in Palästina kannte er, als er das Buch verfasste, noch nicht.

Um jene Bewegung ins Leben zu rufen, die den Staat Israel begründen sollte, brauchte es dennoch Theodor Herzl; jenen Wiener Freigeist, Jusabsolventen, Journalisten und Dandy, der aufzutreten wusste. Er war zwar kein großer Dramatiker, aber sein Sinn für Inszenierungen war unübertrefflich. Er verstand es hervorragend - wie hierzulande gesagt wird -, ein Theater zu machen.

Herzl verschaffte sich Zugang zu den wichtigsten Herrschern. Kaiser Wilhelm empfing ihn zweimal, zunächst in Konstantinopel, dann in einem Zeltlager vor Jerusalem. Der Wiener Jude wurde zur Hoheit der Erniedrigten, zu einem Parvenü der Weltgeschichte. "Wenn Herzl in mein Büro kommt, um über die eingelangten Manuskripte zu berichten, weiß ich nie, ob er nun der literarische Ressortleiter oder der Messias ist", soll sein Herausgeber Benedikt gesagt haben. Er suchte den Sultan in Istanbul auf, sprach beim König in Rom vor und sogar beim Papst, der allerdings die nationalen Ansprüche der Juden nicht anerkennen wollte, denn die hatten ja auch "unseren Herrn nicht anerkannt". Ihm gelang es, einen weltweiten zionistischen Kongress zusammenzurufen. Die Juden hatten noch keinen Staat, aber bereits eine Nationalversammlung.

Er starb im Alter von bloß vierundvierzig Jahren. Am Tage seines Begräbnisses im Juli 1904 war Wien voller Juden. Mehr als zehntausend Menschen begleiteten den Armensarg. Zahlreiche Persönlichkeiten, Martin Buber, Stephen Wise, Hermann Bahr, Arthur Schnitzler, Stefan Zweig, erwiesen ihm die letzte Ehre. Seine Familie ließ er mittellos zurück. Er hatte sein Vermögen in den Zionismus gesteckt.

Mit dem heutigen Israel hätte Herzl selbst Schwierigkeiten gehabt. Jene, die seine Sätze gerne aus dem Kontext reißen, um ihn zum Verantwortlichen für Konflikt und Besatzung zu machen, betreiben nichts als dünkelhafte Geschichtsklitterung. Herzl war gegen jegliche Vormacht der Religion. Der "Judenstaat" war ihm wichtiger als das "Heilige Land". Jüdische Siedler, die in Exklaven leben, hätten kaum Herzls Geschmack entsprochen. Sein "Judenstaat" sollte kein jüdischer Staat werden, sondern eine Zufluchtsort für die Juden und ein modern-säkularer Staat für alle seine Bürger.

"Wenn ihr wollt, ist es kein Märchen", sagte Herzl, und nun ist Israel kein Märchen; in jeder Bedeutung des Wortes. Jüdische Existenz kann auch in Zion bedroht sein. Antisemitismus wendet sich heute nicht selten gegen Israel. Ein anderes Diasporavolk, das palästinensische, träumt nun vom eigenen Nationalheim. Der Visionär Theodor Herzl hätte trotzdem nicht aufgehört, an sein Märchen zu glauben und dafür weiter zu kämpfen, für einen "Judenstaat", der in Frieden mit seinen Nachbarn lebt. (Doron Rabinovici/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3./4. 7. 2004)

Doron Rabinovici ist Schriftsteller und lebt in Wien
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