An der Steckdose der Exaltation

6. Juli 2004, 21:34
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Disco-Soul-Veteranin Patti LaBelle beim Jazzfest Wien in der Wiener Staatsoper

Wien - Ray Charles hat richtig erkannt, dass in der gospelhaften Lobpreisung des Herrn eine Menge Ausdruckübereinstimmung mit der Huldigung des Liebemachens zu finden ist. Nicht unlogisch also, dass sich die von ihm mitinitiierte, einst gottesfürchtige, bald aber erotomane Sangeskunst in der Disco wiederfand, wo in den 70ern jene höchst weltlichen Zu-mir-oder-zu-dir-Fragen gestellt wurden.

Patti LaBelle war dabei, doch das ist einige durchwachte Tanznächte her. Sie weiß inzwischen, dass es abseits der Tanzfläche ein Leben nach der Scheidung und mit Verlusten aller Art gibt. Und das tut sie in der Staatsoper nicht ungroßzügig, mit pädagogischem Charme kund, was in Ordnung geht. Kurzum: Führt keine Ehe aus Gewohnheit, die keine mehr ist!

Allerdings gibt es bei ihr - bezüglich ihrer Außenwirkung - auch Grenzen an Einsicht und Weisheit: Wenn der Rock minikurz bleibt, während die Trägerin längst ziemlich viele Neujahrsfeste hinter sich gebracht hat, kann es nicht ausbleiben, dass die Wirkung schon ein wenig ins Groteske kippt. Besonders dann, wenn in Highheels auch jene Verzückung aufgefrischt werden soll, die damals herrschte, als man die Anbahnung der horizontalen Kommunikation mit musikalischen Mitteln betrieb.

Nun bleibt es jedem unbenommen, mit den Mitteln des Peinlichkeit gegen die Gesetze des Lebens anzukämpfen. Aber man sollte das dann zumindest im Musikalischen mit ausgewogenen Mitteln tun. Es erwies sich jedoch leider als verhängnisvoll, dass LaBelle die Energie einer Girlband in sich vereint. Natürlich, schön ist die Exaltation. Doch noch schöner, wenn sie mit Pausen versehen wird. In "Lady Marmalade" obwaltete jedoch der Wunsch nach Dauerintensität. Und da sie im Gesanglichen zu grobschlächtigen Mitteln tendiert, führte dies bald zur Überforderung der Lauscher.

So kommt es leider, wie es kommen muss: Wie die Anzahl von Höhepunkten jeglicher Art ab einer gewissen Menge zu Indifferenz führt, so ist man nach Tausend "Yeahs" und "Uhhhhs" an den Grenzen seiner Wahrnehmungsgelüste angelangt. Und verlässt das ehrenwerte Haus mit der Sehnsucht nach hundert Jahren Stille. (DER STANDARD, Printausgabe, 3./4.7.2004)

Von
Ljubisa Tosic
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