Patricia Highsmith: "Der talentierte Mr. Ripley"

2. Juli 2004, 20:01
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Der junge Amerikaner Tom Ripley ist die große Schöpfung von Highsmith: Ein abscheulicher Mörder, der aus kaltblütiger Berechnung mordet

In Venedig begeht Tom beinahe seinen dritten Mord. Zu diesem Zeitpunkt hat er bereits seinen Freund Dickie erschlagen, das war in San Remo. Und Freddie hat er wenig später in Rom umgebracht. Es wäre also einfach nur der dritte Mord, begangen diesmal an Marge und möglicherweise so notwendig wie der zweite an Freddie. Freddie und Marge waren Dickies Freunde, und sie wussten oder ahnten zu viel. Marge aber kommt davon, wenn auch knapp. "Auch wie er es tun würde, schoss ihm blitzschnell durch den Kopf: mit dem Schuh niederschlagen, dann zur Vordertür hinauszerren und in den Kanal werfen. Er würde sagen, sie sei gestürzt, auf dem Moos ausgeglitten. Und sie wäre so eine gute Schwimmerin, er hätte doch angenommen, dass sie sich über Wasser halten könnte . . ." Tom tut es dann doch nicht. "Er wollte kein Mörder sein."

Aber darauf kommt es nicht mehr an: Denn natürlich ist der junge Amerikaner Tom Ripley, die große Schöpfung von Patricia Highsmith, ein abscheulicher Mörder, der aus kaltblütiger Berechnung mordet. Dickie muss sein Leben lassen, weil Tom in dieses Leben wie in ein gut gebügeltes Hemd schlüpfen will. Denn Tom hat verrostete alte Brausen und schmutzverkrustete Badewannen satt. Er will anders leben, will Poesie und Schönheit, ja Harmonie. Er will Dickies Geld, dessen Segelboot, dessen gute Erziehung, dessen Freiheit. Reine Habgier also.

Marge aber muss - fast - ihr Leben lassen, weil sie einige hässliche Angewohnheiten hat: Zum Beispiel lacht sie viel und laut. Sie trinkt zu viele Martinis. Sie passt einfach nicht in Toms schönen Palazzo, zu den dunkel polierten Möbeln, zum seidenen Morgenrock und zum herrlichen Blick auf den Campanile. Marge muss beinahe sterben, nicht nur, weil sie zu viel ahnt, sondern weil sie zu wenig wissen will. Weil sie Toms Vorstellung von einem besseren Leben durch ihre ziellose, nachlässige Existenz herausfordert.

Marge wäre somit der Kunst zu opfern: der Kunst, richtig zu leben. Einerseits ist Tom Ripley also ein besonders schlechter Mensch, andererseits hat er vielleicht nur einen besonders guten Geschmack. Morden wäre demnach eine Frage des Stils - und das Böse eine Nebenwirkung im Kampf um das Gute. Man kann ihn verstehen, diesen Tom Ripley, diesen wunderbar sehnsuchtsvollen Menschen, diesen Abgrund.

Auf die bekannte Fragebogen-Frage nach dem "Lieblingshelden in der Dichtung" kann es eigentlich nur eine großzügige Antwort geben: Tom Ripley, der Mann der vielen Talente. Wobei in den vier Ripley-Büchern, die die 1995 verstorbene Highsmith ihrer erfolgreichen Erfindung aus dem Jahr 1955 folgen ließ, die Figur immer weiter ausgeleuchtet wird. Doch bleibt der Ur-Ripley auf wunderbare Weise unnahbar. Weshalb wohl auch alle Versuche, den talentierten Mr. Ripley zu verfilmen, schief gegangen sind. Man kann Tom Ripley nicht wirklich nahe kommen. Er ist immer schon da.

Wenige Wochen vor ihrem Tod hat die damals 74-jährige Patricia Highsmith noch gesagt: "Ich schreibe keine Kriminalromane." Das stimmt. Sie schreibt über uns. (DER STANDARD, Printausgabe, 3./4.7.2004)

Der Band 16 wird vorgestellt von Gerhard Matzig
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    foto: sueddeutsche bibliothek
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