"Die Stadt Wien badet geradezu in Geld!"

8. Juli 2004, 18:26
1 Posting

Ioan Hollender im STANDARD-Interview: Der Staatsoperndirektor blickt auf eine finanziell sehr erfolgreiche Saison zurück, kontert im Gespräch seine Kritiker, ...

... ärgert sich über die Wiener Kulturpolitik und kündigt eine Henze-Oper zum Abschluss seiner Ära an.


STANDARD: Am 30. Juni endete die Staatsopernsaison. Künstlerisch lief sie mit der Daphne-Premiere noch höchst erfolgreich aus. Und finanziell?
Holender: Galerie Seite, Stehplatz: Voll bei der Daphne! Obwohl Daphne früher nie gegangen ist. Ich bin auch nicht davon ausgegangen, dass sie ein Kassenschlager wird. Ich habe pro Vorstellung mit 80.000 Euro gerechnet, aber wir haben 100.000 Euro eingenommen. Die Mundpropaganda ist in Wien noch immer wichtiger als jede Kritik. Es gab wirklich sechs ausverkaufte Daphnes!

STANDARD: Also ein Plus?
Holender: Ja. Ich habe Mehreinnahmen: durch Kartenverkauf, Sponsorengelder, ins Ausland verkaufte Produktionen. Wir haben 1,9 Millionen Euro mehr eingenommen als budgetiert. Wir hatten mit einem Minus von 400.000 Euro gerechnet, werden also mit einem Erfolg von 1,5 Millionen abschließen. Wenn ich Ihnen das sage, dann heißt es gleich wieder: Der Holender braucht eh nicht mehr Geld! Aber: Wir haben seit 1995 dasselbe Budget. Das allein wäre kein Grund für eine dringend benötigte Erhöhung. Aber ich habe mehr Mitarbeiter als die anderen Bundestheater: Chor, Orchester, Ballett, Technik. Und die Bezugserhöhungen, die ja nicht ich bestimme, kann ich bald nicht mehr bezahlen.

STANDARD: Die nächste Saison werden Sie schon noch überleben können!
Holender: Aber ich kann nicht ewig geringe Honorare bezahlen, nur weil es für die Sänger wichtig ist, an der Staatsoper zu singen. Eine Erhöhung der Kartenpreise kommt nicht infrage. Da braucht man kein Marxist sein: Man muss die Oper für die Menschen, die Steuergeld zahlen, zugänglich machen. Wir sind eben kein Kommerzunternehmen.

STANDARD: Der Kanzler hat doch versprochen, sich für eine Erhöhung einzusetzen.
Holender: Versprochen hat mir niemand etwas. Aber ich gehe davon aus, dass man weiß, was die Bundestheater für dieses Land bringen. Was ich nicht verstehe, ist diese Ungerechtigkeit: Die Stadt Wien badet geradezu in Geld! Zehn Millionen Euro für Peter Sellars im Mozartjahr! Ohne dass man konkret weiß, was er macht! Das ist ein Wahnsinn! Und das Theater an der Wien soll von 365 Tagen nur 100 spielen! Das kann und will ich nicht verstehen! Selbstverständlich kann man auch als Stagione-Haus weit mehr Aufführungen ansetzen.

STANDARD: Es scheint eine Verstimmung zu geben: Hans Landesmann, zuletzt Musikchef der Festwochen, sagte in einem Interview, von der Staatsoper gingen "fast keine künstlerischen Impulse" mehr aus.
Holender: Wenn ein Artikel im STANDARD beginnt: "Natalie Dessay, die ihre internationale Karriere von der Staatsoper aus antrat . . .": Auch das sind Impulse! Ich bin stolz darauf, dass hier eine Sängergeneration geboren wurde! Sie wissen ganz genau, wer hier alles inszeniert und dirigiert hat! Und bei den Festwochen? Wenn Pelléas aus Hannover in dieser musikalischen Form und Die Rattenfänger, die schon vor zwei Jahrzehnten an der Staatsoper gespielt wurden, aus Darmstadt die Impulse sind: Dann verzichte ich auf sie! Hans Landesmann sagt, ich würde alles andere verhindern. Leider kann ich nichts verhindern! Auch nicht Stéphane Lissner, seinen Nachfolger. Ihn als Musikfachmann zu nehmen ist lächerlich, weil er nichts davon versteht.

STANDARD: Zu Koproduktionen mit dem Theater an der Wien wird es kaum kommen?
Holender: Wie denn? Nach der Absage des auch rechtlich zugesagten gemeinsamen Gluck-Zyklus durch die Stadt Wien? Der Intendant - wie heißt er gleich? Marboe oder Geyer - soll ruhig seinen Weg unabhängig von der Staatsoper gehen. Er soll einmal zeigen, was er kann. Mir aber "Verhinderer" vorzuwerfen! Ich habe jetzt ein Angebot von der Bayerischen Staatsoper, den Gluck-Zyklus zu machen. Vielleicht schaffen wir das.

STANDARD: Sie wollen ja einen neuen Ring herausbringen. Warum haben Sie ihn nicht Konwitschny angeboten?
Holender: Hab' ich! Und er hat geantwortet: "Alle ringeln herum, ich will keinen Ring machen, aber den Gluck." Da hab' ich gesagt: Machen wir das!

STANDARD: Und wer inszeniert jetzt den Ring?
Holender: Das kann ich noch nicht sagen. Die Besetzung steht, Franz Welser-Möst wird dirigieren. Ich möchte jemanden finden, der zu ihm passt. Ich möchte vermeiden, dass man mir, wenn ich weg bin, nachsagt, "jetzt haben wir diesen Scheiß-Ring". Er soll wirklich gut werden!

STANDARD: Für 2010 planen Sie eine Uraufführung. Wer wird denn der Komponist sein?
Holender: Ob ich das schon sagen darf? Na gut: Henze hat zugesagt. Es soll eine gleichzeitige Uraufführung werden - an der Bayerischen Staatsoper und an der Staatsoper. Zwei Produktionen, ein Werk mit zwei Perspektiven. Diesen Luxus will ich mir leisten. Und den werde ich mir auch leisten: Es gibt hier keine goldene Türklinke, ich nehme auch kein Geld mit nach Hause.

STANDARD: Sie haben Welser-Möst erwähnt: Soll der Intendant der Salzburger Festspiele Künstler oder Manager sein?
Holender: Ich finde es abscheulich, wie die Intendantensuche läuft, und fahrlässig, dass man keine Entscheidung trifft. Weil der neue Intendant keine Zeit zum Planen hat. Ein ernsthafter Mensch kann guten Gewissens gar nicht zusagen, 2007 zu planen. Denn er muss nehmen, was noch frei ist, und kriegt nicht das, was er will. Sie sehen ja: Ich plane bereits 2010! Und man sollte über Inhalte sprechen! Was haben die Kandidaten vor? Unter Karajan galt: Das Beste von den Besten, und was nirgends ist, das ist in Salzburg. Das ist nicht sehr viel, aber es hat genügt. Heute genügt das nicht mehr. Gerard Mortier hatte wenigstens eine Linie und er hat viel umgekrempelt. Aber Peter Ruzicka? Verfemte Komponisten! Wunderbar - im ersten Jahr. Aber jetzt nur mehr konzertant! Und Linie? Sehen Sie eine? Engagiert wurde ein Beamter - und es ist ein Künstler geworden! Zudem: Nicht die Quantität ist entscheidend, sondern die Qualität. Vor allem, weil es mehr Festivals gibt als früher.

STANDARD: Wer also?
Holender: Wenn die Salzburger einen Künstler suchen für ein Festival, das fünf Wochen dauert, und erwarten, dass er zehn Monate durch die Getreidegasse spaziert und möglicherweise noch im Trachtenanzug, dann werden sie sehr lange suchen müssen!

STANDARD: Hat Welser-Möst überhaupt Zeit - neben Cleveland und der Staatsoper?
Holender: Ich habe mit Welser-Möst die gesamte Planung bis 2010 fertig. Über Salzburg hab ich mit ihm nie geredet. Ich sagte zu ihm am Telefon: "Für mich ist Salzburg eine Stadt. Aber wenn Sie mich etwas fragen wollen, dann antworte ich Ihnen." Und er antwortete: "Belassen wir es dabei, dass Salzburg eine Stadt ist."

STANDARD: Zum Ballett: Renato Zanella haben Sie ja erfolgreich an Haider angebracht.
Holender: Ach, zehn Jahre sind wohl genug. Sie können sagen, zehn Jahre sind auch für einen Staatsoperndirektor genug. Okay, kein Widerspruch. Aber ich bin nicht direkt künstlerisch tätig. Ich will etwas Neues machen, aber ich weiß noch nicht, mit wem. Natürlich drängt die Zeit.

STANDARD: Was halten Sie von der Fusion der beiden Ballettcompagnien?
Holender: Ich möchte nicht, dass die Staatsoper die Volksoper übernimmt und auch nicht umgekehrt. Die Häuser sollen ihr Profil behalten. Wir suchen einen Leiter für beide Compagnien, der über das Budget autonom verfügen können soll. Die Volksoper hat mit Giorgio Madia einen Ballettchef, der gut und auch Teil der Überlegungen ist.

STANDARD: Wird Seiji Ozawa weiterhin Musikchef bleiben?
Holender: Ja, er wird bleiben. (DER STANDARD, Printausgabe, 3./4.7.2004)

Von
Ljubisa Tosic und Thomas Trenkler

Zur Person

Ioan Holender betrieb ab Ende der 60er eine Sängeragentur, bevor er '88 mit Eberhard Waechter die Staatsoper über- nahm. Seit '92 ist er alleiniger Direktor des Hauses an Ring.
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Auf den "Ring" will Ioan Holender stolz sein dürfen: "Ich möchte vermeiden, dass man mir, wenn ich weg bin, nachsagt, ,jetzt haben wir diesen Scheiß-Ring'."

Share if you care.