Die Cruyffsche Wende der Erkenntnis

4. Juli 2004, 18:30
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Klaus Theweleit beschreibt den Zusammenhang von Deichbau, Landschaftsmalerei, Fußballteam und Raumgefühl in den Niederlanden

Wer sagt, dass Intellektuelle wie der Deutsche Klaus Theweleit nicht auch trösten sollen? Auch wenn das überhaupt nicht ihre Absicht ist, es gelingt Theweleit in seinem fabulösen Buch "Tor zur Welt. Fußball als Realitätsmodell" wahrscheinlich besser, als er das dachte. Daran ist sein kaputtes Knie schuld. Weil das Knie mit Absicht versagte, wann immer der Kopf sich zu verirren drohte. Denn auch Theweleit spielte Fußball. Natürlich gibt es - theoretisch - auch andere Möglichkeiten, seine Vernunftmaschine in Gang zu bringen, aber das kann man sich eben nicht aussuchen und ist prinzipiell wohl auch egal.

Jedenfalls gab das Knie das erste Mal nach, als 1962 die Zeit der Bundeswehrmusterung nahte. In einem Match am Lande wurde Theweleit von einem Bauernlümmel - die Stereotypisierung der Begriffsbildung ist ein im Fußball locker erreichbares Lernziel - umgehauen. Knie kaputt. Untauglich für Krieg und Vereinsfußball. Die sentimentale Militärphase nach dem Fantasievorbild From Here To Eternity - Montgomery Clift lehnt sich bis zum Tode gegen das Unrecht auf, und dann diese ewige Liebe von Burt Lancaster zu einer Frau, die ihm nicht gehört - ging an ihm vorbei wie ein Haken von Ronaldo oder ein Kelch in der Bibel.

Man merkt, der Fußball hängt mit anderen Lebensabschnitten irgendwie zusammen. Und seien sie noch so unkörperlich. Das Knie, so Theweleit, übernahm die Funktion des Denkens, zwischenzeitlich und stellvertretend, bis der Kopf es, so nach und nach, gelernt hatte.

In einem der schönsten Abschnitte des Textes beschreibt Theweleit dann auch seine Gegenposition zu Niklas Luhmann, der "die hochtechnisierten europäischen Gesellschaften" als gegeneinander abgeschottete, Sinn und Identität stiftende Systeme beschrieb. Theweleit beschreibt nun, wie andere Lebenssparten zumindest einigermaßen gemeistert werden können, wenn man sich nur im Kicken auskennt. Aber dort so richtig. Es bleibt allerdings die Frage - und wahrscheinlich sind es die Fragen, die dieses Buch bezweckt, wie ein Lochpass das Tor nahe legt, aber eben nicht ist -, ob an der Person Franz Beckenbauer das Prinzip wirklich exemplifiziert werden kann. Beckenbauer sei dem Spiel und der Logik und dem Weg des Balles so nahe, dass er gar nicht anders könne, als das Spiel adäquat, konkret, eben wahr zu denken und zu analysieren. Eine Fähigkeit, die dem ungleich verbaleren Günther Jauch krass abgehe. Andererseits finde sich Beckenbauer auch in der Welt rundherum zurecht, dank seiner überragenden Kenntnisse des Fußballspiels.

Solche Vergleiche wirken mehr als Anstoß denn als Abschluss eines Denkens. Wer jemals Beckenbauers hilflose, phrasengesättigte Versuche erlebt hat, live vor einer Kamera ein Spiel und ein Ergebnis logisch auf die Reihe zu kriegen, könnte auch zu einem anderen Schluss gelangen. Günther Netzer, dem gescheitelnden zweiten Analytiker des deutschen Kick-TV, gesteht Theweleit zu, die Entwicklung des Spiels gründlich misszuverstehen, indem er Zinedine Zidane nach altem Denkmuster als Super-Führungsspieler charakterisiert. Der sei doch kein Quasi-Napoleon wie noch Netzer selbst, der in napoleonischer Pose die Überreichung des Balls abgewartet habe, um dann mit flatternden Haaren in den freien Raum zu stoßen. Passt schon nicht wegen Zidanes Glatze mit den Eisenfeilspänen, die das Muster der unter der Schädeldecke laufenden Ströme anzeigen. Zidane, die Person, in der die Beschleunigung des Spiels Gestalt angenommen habe, der digitale Fußballer. Im Übrigen haben sich die beiden Superkicker Beckenbauer und Netzer in der Welt rund um den Fußball tadellos etabliert, dass Theweleit ausgerechnet Netzer in dessen Analysen Beschränktheit aufgrund einer medialen Machtposition nachsagt, würde jedes philosophische Seminar jenseits des Dings an sich rechtfertigen.

Es handelt sich in Theweleits Abhandlungen über die Ähnlichkeiten und Differenzen des HSV und Barcelonas, über die Gehälterfalle, die Völkerverständigung und den Strandfußball in Tunesien, über die Fußballberichterstattung - 100 Prozent Fußball-Gequassel bei 50 Prozent Wahlbeteiligung - in Zeiten der steigenden Arbeitslosigkeit, hilflos rudernde Regierungen und über die Zerreißung sozialer Netze um traumwandlerisch sicheres Jonglieren mit den quasi selbst in die Luft geworfenen Denkmustern. Der Fußball gilt als relevantes Realitätsmodell, wenn er eine biografische Realität ist und die in der theoretischen Ausbildung erlernten Argumentationsspielpläne auf den Fußball anwendet, um daraus wieder Schlüsse zu ziehen.

Im Unterschied zu Luhmann also glaubt Theweleit an grundsätzliche Strukturen, die in der Kunst, der Politik, der Musik und eben auch im Fußball gelten und so das branchenübergreifende Denken, Erkennen und Orientieren erst ermöglichen. Dazu zitiert er unter anderem ein Buch des Engländers David Winer (Brilliant Orange), der den Zusammenhang von nationalem Raumgefühl ("Gott erschuf die Erde. Aber die Holländer schufen Holland."), Landschaftsmalerei und Fußball in den Niederlanden untersucht. Das mit Deichen dem Meer abgetrotzte, in Rechtecke geteilte, durchgeplante und überschaubare Land hat schon im Kriegsfall mittels gezielter Überschwemmungen den Raum eng gemacht. Die Bürger des Landes, das aus der Luft während der Tulpenblüte aussieht wie ein Live-Mondrian, haben in den Wohnzimmern angeblich mehr moderne Künstler als andere Menschen. Johan Cruyffs mit Ajax Amsterdam gespielter, revolutionärer Fußball sei ebenso eine Folge der Raumabstraktion wie Mondrians Bilder. Cruyff trat den Ball aus dem Zentrum der Erkenntnis und begriff den Raum als wichtigstes Spielmittel. Dennoch verloren sie, überlegen spielend, das WM-Finale 1974 gegen die Deutschen. Analyse: Man kann das Denken nie übertreiben, aber man darf sich nicht darauf verlassen, dass man dadurch immer gewinnt. (DER STANDARD, Printausgabe, Album, Samstag, 3. Juli 2004)

Klaus Theweleit, Tor zur Welt. Fußball als Realitäts- modell, € 9,20/208 Seiten. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2004

Von Johann Skocek
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    Verteidiger Berti Vogts (li) steigt vor dem niederländischen Stürmer-Star Johan Cruyff hoch. Die deutsche Nationalmannschaft gewann am 07.07.1974 vor 80.000 Zuschauern im Münchner Olympiastadion das Endspiel der Weltmeisterschaft gegen die Niederlande mit 2:1.

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